Kinder sind die Stimmen der Zukunft
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Adrian Michael: «Ein Zeitungsbericht über das Buch der siebzehnjährigen Zollikerin Sofia Vuskovic machte mich neugierig. Nur schon der hübsche Titel weckte mein Interesse: «Auf dem Meer segeln Papierschiffchen». Ich fragte mich, was wohl eine junge Frau so sehr beschäftigt (…)
VON ADRIAN MICHAEL
Ein Zeitungsbericht über das Buch der siebzehnjährigen Zollikerin Sofia Vuskovic machte mich neugierig. Nur schon der hübsche Titel weckte mein Interesse: «Auf dem Meer segeln Papierschiffchen». Ich fragte mich, was wohl eine junge Frau so sehr beschäftigt, dass sie darüber ein Buch schreibt? Auch wenn ich definitiv schon lange nicht mehr zum Zielpublikum der jungen Erwachsenen gehöre, kaufte ich es, las es und beschloss, darüber etwas zu schreiben.
Leicht liegt das Büchlein mit seinen fünfzig Seiten in der Hand, leicht wie ein Papierschiffchen, ist man fast geneigt zu sagen. Erzählt wird die Geschichte eines jungen Menschen, in der das Thema Freundschaft eine tragende Rolle spielt. Da sie später auch als Erwachsene vorkommt, kann man durchaus auch von einer Coming of age oder Entwicklungsgeschichte reden.
Die Erzählung beginnt damit, dass in Sizilien ein «Ich» seine Familie vorstellt. Auf der zweiten Seite lernen wir Matteo kennen, den Freund des «Ich». Habe ich auf der ersten Seite automatisch angenommen, dass hier eine junge Frau erzählt, werde ich jetzt eines Besseren belehrt: Leo heisst der Erzähler und ist wie Matteo 15 Jahre alt.

Einfühlsam beschreibt Sofia Vuskovic, wie geborgen sich Leo in Matteos Familie fühlt, dort spürt er die Wärme, die er in seiner Familie vermisst: «Beim Essen hing immer so viel Freude in der Luft, dass es mir jedes Mal fast die Kehle zuschnürte. Warum hatte ich nicht auch solch eine Familie?» Amüsant eine Anekdote über den langweiligen Geschichtsunterricht eines Lehrers: Auf die Frage, warum das römische Reich untergegangen sei, lautete die Antwort: «Das ist nicht wichtig. Es war einfach so.» Trotzdem behandelten seine Prüfungen dann ausschliesslich das, was im Unterricht nie durchgenommen worden war.
Zur ersten grossen Zäsur in der Beziehung der beiden Jungen führt ein Schicksalsschlag, der Matteo trifft: Seine Mutter stirbt unerwartet, und Leo schafft es nicht, an die Beerdigung zu gehen. In einem heftigen Gefühlsausbruch wirft ihm Matteo dies vor: «Wo warst du?». Er sei zu feige gewesen, sich dort blicken zu lassen, sagt Leo später. Die Reue darüber wird ihn ein Leben lang begleiten.
Wenig später spricht die junge Autorin ein weiteres Thema ihrer Erzählung an: Im Fernsehen wird berichtet, dass ein Flüchtlingsboot untergegangen sei. Im Gegensatz zu Matteo, den das nicht gross beschäftigt – ja, es sei tragisch, aber wozu sich Gedanken machen, wenn viel klügere Leute das schon gemacht haben? – bedrückt es Leo, aber auch er schiebt den Gedanken zur Seite.
Eindrücklich schildert Vuskovic ein dramatisches Ereignis, das die Beziehung der beiden Freunde fundamental verändert: Matteo wird von einem gleichaltrigen Jungen brutal verprügelt. Als der Schläger Leo fragt, ob er Matteos Freund sei, verleugnet Leo die Freundschaft. Wie nach dem Tod der Mutter muss sich Leo Matteos Frage gefallen lassen: «Leo, wo warst du?» Mit der unausgesprochenen Frage, wie weit Freundschaft gehen soll oder kann, ist der erste Teil der Geschichte abgeschlossen.
Eines Tages findet Leo am Strand eine Flaschenpost. Darin liegen zusammengerollt drei beschriebene A4- Seiten. In Form eines langen Gedichts macht sich ein Mädchen Gedanken über Menschen, die sich auf einem unsicheren Boot auf den Weg über das Meer machen, schreibt von Papierschiffchen, «bepackt mit Hoffnung, bepackt mit Träumen».
Auf den folgenden Seiten, darin inbegriffen ein Zeitsprung von 21 Jahren in Leos Erwachsenenleben, wendet sich Sofia Vuskovic schon fast philosophischen Überlegungen zu, in denen das Thema «Hoffnung» einen grossen Raum einnimmt: Müsste man anstatt von «Flüchtlingen» nicht von «Hoffenden» reden? Auch wenn die Autorin ihren Protagonisten Leo eine ganze Reihe Fragen stellen lässt über den Sinn des Lebens, werden es auch Fragen sein, die sich die junge Autorin selber stellt. Passend lässt sie in ihren Überlegungen auch den griechischen Philosophen Sokrates und den deutschen Schriftsteller Ferdinand von Schirach zu Wort kommen. Das Buch endet mit einem Gedanken an die Zukunft: «Kinder sind die Stimmen der Zukunft, der Vernunft und der Menschlichkeit.»
«Auf dem Meer segeln Papierschiffchen» ist eine emotionale, berührende Geschichte, in der es neben dem Thema Freundschaft auch um die Hoffnung geht, Hoffnung auf eine bessere Welt, eine bessere Zukunft. Gelegentliche kleine sprachliche Unbeholfenheiten mindern die Qualität der Geschichte nicht. Sie wirken authentisch und passen zum jugendlichen Alter der Autorin.
Sofia Vuskovic, «Auf dem Meer segeln Papierschiffchen», (Novum pro), 54 Seiten, ca. 20 Fr.
Adrian Michael hat 37 Jahre lang an der Zolliker Primarschule unterrichtet. Seit 2017 ist er pensioniert. Nebst der Zolliker Lokalgeschichte gehört auch das Wandern zu seinen Steckenpferden.
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