Viele Jugendliche finden Alkohol uncool
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27. April 2026 – Das «Bierli» am Feierabend, das «Glesli» Rotwein zum Znacht, das «Cüpli» beim Sommerfest. Der Konsum, den Erwachsene für sich mit verniedlichender Sprache verharmlosen und zu einem Alltagsritual machen, verunsichert viele, sobald er bei Jugendlichen auftritt.

EIN BEITRAG DES MOJUGA-TEAMS
Wer keine eigenen Kinder im Jugendalter hat, erfährt nur, was man gemeinhin über Jugendliche mitbekommt. Und mitbekommen tut man vor allem, was schwierig ist. Medien, Präventionskampagnen, Dorftratsch lenken den Fokus nicht auf die informierten Jugendlichen, die ganz genau wissen, was Alkohol in ihrem Körper anrichtet. Wir lesen über Komasaufen, ärgern uns über weggeworfene Bierbüchsen, und schon haben wir ein Bild vom «Jugendlichen an sich».
Aber die Jugendlichen, die dieses Bild bedienen, machen eine Minderheit aus. Die allermeisten wissen besser Bescheid darüber, was die WeltgesundheitsorganisationWHO zum Thema Alkohol zu sagen hat, als die meisten Erwachsenen: nämlich, dass jeder Tropfen schadet. Jeder.
Von Erwachsenen werden die schädlichen Auswirkungen von Alkohol auf die Gesundheit hingegen unterschätzt. Das zeigte eine Online-Umfrage der WHO in 14 europäischen Ländern. Nur rund die Hälfte aller Befragten wusste über den Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Krebs Bescheid, bezüglich der spezifischen Krebserkrankungen waren es noch deutlich weniger. 2024 fuhr die WHO deshalb eine Kampagne, in der sie an die Länder in Europa plädierte, den Stellenwert von Alkohol in der Gesellschaft zu überdenken.
Die meisten trinken überhaupt nicht
Was Erwachsenen, die weniger informiert aufwuchsen, an Aufklärung nachgereicht werden muss, scheint bei vielen Jugendlichen bereits verinnerlicht. Jedenfalls sehen wir in unserem Alltag Jugendliche, die sich dem Alkohol nicht im Geringsten zugewandt fühlen. Ihnen sind ein gutes Körpergefühl, gesunde Ernährung und Fitness wichtiger. Die meisten trinken überhaupt nicht, einige trinken in einem risikoarmen Mass, und nur ganz wenige zeigen ein schädliches Konsumverhalten. Doch selbst diese Jugendlichen trinken nicht mangels Informationen – ihnen ist bewusst, dass es sich bei Alkohol um eine Substanz mit ähnlichem Risikoprofil wie jenes von verbotenen Drogen handelt.
Da im Jugi ein Alkoholverbot gilt, werden wir auf diesen kleinen Anteil von Jugendlichen meist dann aufmerksam, wenn wir sie im öffentlichen Raum antreffen oder wenn sie aufgrund ihres Trinkverhaltens in Schwierigkeiten geraten.
Stellen wir uns vor, es käme ein stark alkoholisierter Jugendlicher ins Jugi, der sich elend fühlte und nicht wüsste, wohin er in diesem Zustand sonst gehen könnte. Während einer von uns seinen Zustand konstant überwacht und ihn mit Wasser versorgt, kümmert sich die andere um die übrigen Jugi-Besuchenden, die aufgeregt und besorgt sind.
Da der Jugendliche nicht mehr in der Lage ist, die Telefonnummer der Eltern herauszugeben, und seine anwesenden Freunde nicht dazu bereit sind, wählen die Jugendarbeitenden den Notruf und lassen sich beraten. Die medizinische Fachperson empfiehlt, den Jugendlichen ins Spital zu bringen. Erst jetzt geben die Jugendlichen die Nummer der Eltern heraus, die den Sohn dann selbst ins Krankenhaus bringen.
Miteinander ins Gespräch kommen
Die Geschichte ist erfunden, aber sie hätte so oder so ähnlich auch in Zollikon stattfinden können. Die Rolle der Offenen Jugendarbeit beschränkt sich dabei nicht auf akute Situationen. Durch die enge Beziehung zu vielen Jugendlichen der Gemeinde erfahren wir oft von ungünstigen Entwicklungen, bevor sie offensichtlich werden – durch eigene Beobachtungen im öffentlichen Raum, auch durch Gespräche, sei es mit den betroffenen Jugendlichen selbst oder mit anderen, die davon erzählen.
Werden wir hellhörig, beobachten wir zunächst: Sind die Jugendlichen regelmässig am Trinken oder sogar betrunken? Hält die Dynamik über mehrere Wochen an? Wir besprechen unsere Beobachtungen im Team und tauschen uns mit Fachpersonen der MOJUGA Stiftung aus. Wir suchen Gespräche mit den Jugendlichen selbst, einzeln und in Gruppen. Dabei achten wir darauf, diese Gespräche nicht zu erzwingen, sondern dass sie nebenbei bei gemeinsamen Aktivitäten stattfinden.
So verschaffen wir uns ein Bild darüber, wie es den betroffenen Jugendlichen geht, ob sie ausreichend informiert sind und in welchem Umfeld sie sich bewegen. Gleichzeitig informieren wir andere Institutionen über diese aktuellen Entwicklungen – selbstverständlich unter Beachtung des Datenschutzes und ohne Namen von Betroffenen oder Merkmale zu nennen, die auf eine bestimmte Gruppierung hinweisen.
In Einzelfällen, wenn eine Gefährdung vorliegt, wenn also eine Jugendliche oder ein Jugendlicher über längere Zeit risikoreich konsumiert, Angebote zur Suchtberatung ausschlägt und sich keine Verbesserung der Situation abzeichnet, suchen wir das Gespräch mit den Eltern. Auf diese Weise gelingt es uns oft, dass Jugendliche zu einem unauffälligen Konsum zurückfinden. Es bleibt jedoch die Frage, welchen Stellenwert wir dem Alkohol in der Gesellschaft geben wollen.
Gesellschaftlicher Druck
Alkohol eröffnet Jugendlichen ein Spannungsfeld, in dem sie sich weitgehend ohne die Begleitung Erwachsener zurechtfinden müssen. Der Widerspruch beginnt schon darin, dass der Verkauf und die Weitergabe an Jugendliche unter 16 Jahren zwar verboten, der Konsum aber für Jugendliche in diesem Alter nicht strafbar ist. Bis zur Volljährigkeit werden sie von Erwachsenen ermahnt, nicht zu übertreiben, danach stehen sie plötzlich unter dem gleichen gesellschaftlichen Druck wie alle Erwachsenen: sich erklären zu müssen, wenn sie an der Diplomfeier, der Vernissage, der Geburtstagsfeier nicht anstossen wollen.
Sie beobachten zwar, dass Erwachsene den Alkohol nutzen, um soziale Hemmungen zu verlieren, nach der Arbeit abzuschalten und sich zu entspannen. Gesprochen wird davon aber kaum. Alkohol zu trinken scheint vielmehr eine gewünschte Gepflogenheit zu sein wie das Händeschütteln und das Einhalten von Dresscodes. Hier sehen wir nicht nur die Jugendarbeit in der Verantwortung, über diese Widersprüchlichkeiten zu sprechen, sondern alle Erwachsenen, die mit Jugendlichen zu tun haben: es ist nötig, Gespräche zu suchen, die sich vom Thema Alkohol ablösen und sich stattdessen um das Aufdecken und Aushalten von Widersprüchen sowie um Bewältigungsstrategien für Stress und sozialen Druck drehen.

Die MOJUGA Stiftung ist seit 2016 von der Gemeinde Zollikon mit der Jugendarbeit beauftragt. Alexandra Matulla ist Ansprechpartnerin für die Behörden. Nadja Staudenmaier und Michael Germann sind für die Jugendlichen da. Sie hören ihnen zu, unterstützen sie und werden deshalb auch bei Krisen ins Vertrauen gezogen. Informationen über das Team und die Angebote unter jugendarbeit-zollikon.ch
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