«So bescheiden, aber gleichwohl so stark»
0 KOMMENTARE
28. April 2026 – Die Fotografin Tina Ruisinger bietet auf der Palliativstation des Spitals Zollikerberg Fototherapie an. Dabei blickt sie mit den PatientInnen anhand von Bildern auf ihr Leben zurück. Sie animiert sie aber auch, ihren momentanen Gefühlen mit Fotos Ausdruck zu verleihen.

«Wir waren in den Ferien. An diesem Tag sass er am Meer, als eine grosse Welle kam, ich konnte ihn gerade noch nach hinten ziehen. Er schrieb in sein Tagebuch: Nelly hat mich gerettet. Ich möchte in unserem Haus sterben. Wir haben es zusammen vor 50 Jahren gebaut. Die Fotografie auf dem Fenstersims, es ist mein Lieblingsbild von ihm.» Nelly (90)
VON BARBARA LUKESCH
Den Ausschlag gab eine Nachbarin, die schwer krebskrank war und nicht mehr sprechen konnte. Sie verbrachte die letzten Monate ihres Lebens im Zürcher Lighthouse, einem Hospiz, wo Tina Ruisinger sie viel besuchte. Nur: Wie sollten sich die beiden verständigen?

Da traf es sich gut, dass Tina Ruisinger Fotografin ist und seit jeher mit Bildern arbeitet, dem Medium, das ja bekanntlich mehr als 1000 Worte sagt. Und siehe da – es funktionierte. Die Frauen verbrachten viele Stunden zusammen und kommunizierten über Gesten und Mimik und die damit zum Ausdruck gebrachten Gefühle. Fotos, Postkarten, Passbilder, Handyaufnahmen gaben den Anstoss. Auch der Blick aus dem Krankenzimmer konnte zum Anlass für einen Austausch werden.
Die Fotografin, die ursprünglich aus Stuttgart stammt, aber seit knapp 30 Jahren in Zürich lebt, erkannte das Potenzial, das in dieser Kommunikationsform liegt. Wäre das Bild nicht auch ein Türöffner für andere Menschen, die sich in der letzten, oft auch schwierigen Phase ihres Lebens befinden und gern nochmals Rückschau halten?, fragte sich Ruisinger. Das wäre dann so etwas wie visuelle Biografiearbeit.

«Auf meinem Grab soll einmal stehen: Sie starb vor zu viel Glück und Liebe im Leben. Ich hatte ein glückliches Leben, eine glückliche Ehe, und guten Sex hatte ich auch. Tanz war mein Leben.» Myrta (101)
Schlüsselpersonen in Kanada und Bern
Die 57-Jährige hatte sich schon lange mit dem Thema Alter, Endlichkeit und Sterben befasst und dazu auch Bildbände publiziert wie «Traces» (2002) oder «Asche – und was vom Ende bleibt» (2020). Sie sagt: «Die Schnittstelle zwischen Leben und Tod hat mich schon immer fasziniert.»
Auf der Suche nach Informationen stiess sie auf die kanadische Psychologin Judy Weiser, die als Erfinderin der Fototherapie gilt und schon zu Beginn der 1980er-Jahre ein wegweisendes Buch dazu geschrieben hatte. Auch der kanadische Psychiater Harvey Max Chochinov, der sich intensiv mit dem Begriff der Würde am Lebensende befasst, vermittelte ihr Inspirationen.
Leider gebe es in der Schweiz keine Ausbildung zur Fototherapeutin, anders als etwa im Bereich der Kunsttherapie. Doch Ruisinger liess nicht locker und fand in Bern eine Fototherapeutin, die Bilder im Kontakt mit Demenz-Patienten einsetzt. Von ihr habe sie viel gelernt.
Um sich dazu noch fundierte Kenntnisse über die Pflege und Betreuung schwerkranker Menschen anzueignen, besuchte sie während einem Jahr eine Ausbildung in Palliative Care an der Universität Zürich. So habe sie nach und nach das Wissen zusammengetragen, um selber Fototherapie anbieten zu können.

«I liked it so much. I can’t do it myself anymore, but the rugby pictures from the past represent my great, great passion. It was my everything. But you have to be able to pass on in time.» John (87)
«Ich bin zunächst einfach da»
Dann trat Corona auf. Tina Ruisinger arbeitete im Spital Zollikerberg als Freiwillige mit. Dabei kam sie auch auf die Palliativstation. Ein Wort gab das andere, und nach einer Testphase waren die Verantwortlichen einverstanden: Sie solle künftig während einem Nachmittag pro Woche Fototherapie anbieten.
Fragt man sie, was sie denn da konkret mit den einzelnen Patientinnen und Patienten mache, sagt sie: «Ich bin zunächst einfach da und höre den Menschen zu.» Das Bedürfnis, wieder einmal reden zu können und auf ein offenes Ohr zu stossen, sei riesig. Sie stelle vielleicht ein paar Fragen zu Interessen, Hobbys, Enkelkindern, Familie generell, Reisen, «ein tolles Thema, das viele lieben». Man lande dann schnell bei Bildern, «Reiseerinnerungen» im Fotoalbum, der verstorbene Ehemann im Bilderrahmen auf dem Fensterbrett oder ein vergilbtes Selbstporträt aus Jugendtagen, das im Portemonnaie steckt. Auf diesem Hintergrund würden bei vielen Erinnerungen wach, die zu berührenden Gesprächen führten: «Manche glücklich, manche aber auch bitter oder sehr traurig.»
Sie selber bringe Postkarten mit, darunter ihre wunderschöne Sammlung mit Blumenmotiven, oder stelle einen einfachen Glaswürfel auf den Tisch, der Platz für sechs Bilder biete. Manche Patienten fänden Freude daran, in ihren Alben jene Fotos auszuwählen, die wichtige Momente in ihrem Leben repräsentieren. Andere, mit denen sie schon länger zusammenarbeite und die sie besser kenne, trügen sogar so viel Material zusammen, dass sie gemeinsam ganze Bildtapeten gestalten könnten: «Collagen, die so etwas wie ein Lebensbild vermitteln», sagt die Fotografin.

«Die Asche von Struppi ist unter dem Blumentopf mit den Geranien auf meinem Balkon. Wohin damit? Die Urne ist so gross wie eine Streichholzschachtel.» Gertrud (95)
Mit dem iPad den Augenblick einfangen
«Lebensbilder» nannte sie denn auch den Bildband, den sie im Verlauf ihrer inzwischen sechsjährigen fototherapeutischen Arbeit im Spital Zollikerberg gemeinsam mit 70 Patienten und Patientinnen realisierte – alten und jüngeren, schwerkranken, bettlägerigen und weniger beeinträchtigten.
Im Austausch mit der ärztlichen Leitung der Palliativabteilung hätte sie sich gefragt, wie es gelingen könne, die einzelnen stärker zu beteiligen. Bilder gemeinsam anschauen und besprechen, sei wunderbar, aber vielleicht gebe es ja noch einen Weg, um die Leute zu mehr aktivem Mittun zu bewegen. Wäre es nicht eine gute Idee, sinnierte sie, interessierten Männern und Frauen einen iPad oder eine Kamera auszuhändigen und ihnen die Frage zu stellen: «Wenn Sie Ihr momentanes Gefühl mit einem Bild ausdrücken möchten, was würden Sie dann fotografieren?»
Die Idee verfing. Viele liessen sich inspirieren und machten mit. Niemand habe Zeit gehabt, sich vorzubereiten, erzählt die Fotografin, es sei ihr allein um den Augenblick gegangen, den die einzelnen auf diese Weise eingefangen hätten.
Als sie das Material sichtete, war sie erstaunt über die Vielfalt der Bilderwelt. Es habe sie berührt, wie «unaufgeregt, bescheiden, aber nichtsdestotrotz unheimlich stark» die einzelnen Aufnahmen herausgekommen seien. Wie zum Beispiel jenes von Struppi, dem geliebten, aber leider verstorbenen Dackel, oder das Selfie von Petra, einer 56-jährigen schwerkranken Frau, die sich selber die Zunge herausstreckt. Aber auch Bilder, auf denen der wetterumtoste Himmel, eine satte grüne Wiese mit einem prächtigen Baum, das runde Lieblingskissen, ein farbenfroher Tulpenstrauss oder die süssen Enkelkinder im Zentrum stehen.

«Ich fühle mich wie ein Wasserstrahl im Badezimmer. Das Wasser ist wie ich. Das Wasser fliesst wie meine Gefühle. Meine Gefühle sind das, ja: Wut, Freude, Trauer, Angst.» Sandra (56)
Viel Lob für den Bildband
Ohne genau zu wissen, was aus diesem Projekt einmal werden solle, habe sie die Aufnahmen zunächst einfach gesammelt. Sie merkte schnell, dass es gut lief. Vielleicht könnten sie daraus eine Ausstellung machen, überlegte sie. Dass es dann einen Bildband gab, habe auch an der prompten Zusage des Merian-Verlags gelegen.
Nun musste sie eine Auswahl treffen und die einzelnen Bilder mit einer Legende versehen, kurzen Sätzen, die die einzelnen selber aufgeschrieben oder im Gespräch mit ihr geäussert hatten: «Auf jeden Fall O-Töne», versichert sie.
Das Buch zog Kreise. Es gab dann tatsächlich auch eine Ausstellung im Park des Spitals. Die «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens brachte in ihrer Hauptausgabe einen Beitrag dazu, verschiedene Printmedien berichteten. Die Resonanz sei gross und extrem positiv gewesen; Angehörige, die Mitarbeitenden des Spitals plus weitere Interessierte hätten viel Lob gespendet. Das habe sie auch deshalb so gefreut, weil das Thema Palliativpflege, Sterben und Tod nach wie vor tabuisiert und an den Rand gedrängt werde: «Dabei ist es doch so wichtig, auch diese Phase unseres Lebens in die Mitte zu holen.»
Tina Ruisinger, Lebensbilder – Fotografie in der Palliative Care, Christoph Merian Verlag
7. Mai, 18.30 Uhr, Gemeindesaal Zumikon: «Palliative Care im Fokus». Referentinnen: Dr. med. Katja Albrecht (Leitende Ärztin Spital Zollikerberg), Nicole Larson (Stationsleitung), Rebecca Fent (Pflegeexpertin APN Palliative Care). Anschliessend Apéro.
24.04.26: Palliative Care im Zollikerberg: «Die Dankbarkeit ist berührend»
………………..
Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch in Ihrem Netzwerk teilen: