Vom Glück, Leben zu retten

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1. Mai 2026 – David Strässler ist Feuerwehrmann und leistet Erste Hilfe als Betriebssanitäter und First Responder. Der 25-jährige Zolliker empfindet es als bereichernd und sinnvoll, «in dieser turbulenten Welt etwas Kleines beitragen zu können, um sie ein wenig zu verbessern».

David Strässler im Einsatz (Foto: zVg)
David Strässler bei der Feuerwehr (Fotos: zVg)

VON BARBARA LUKESCH

David Strässler ist ein Unikum. Da engagiert er sich schon als 16-Jähriger bei der Jugendfeuerwehr. An Ernsteinsätzen darf er zwar noch nicht teilnehmen, aber Übungen absolviert er. Gleichzeitig besucht er den Nothelferkurs und lernt, wie man Blutungen von Schwerverletzten versorgt, Bewusstlose behandelt und im Ernstfall reanimiert. Mit 18 wechselt er zur «richtigen» Feuerwehr und erlebt einige Zeit später seinen ersten Brand in einem Wohnhaus im Zollikerberg.

Er sei daheim gesessen, als sein Pager plötzlich losgegangen sei, ein Scheppern, das einem durch Mark und Bein dringe, Adrenalin pur. Er habe auf der Stelle gewusst, jetzt gilt es ernst, jemand befindet sich im schlimmsten Fall in Lebensgefahr: jede Minute zählt! Also ab ins Auto und zum Feuerwehrdepot unterhalb des Gemeindehauses.

Dort ziehe man sich die Uniform über und klettere zu den fünf bis sieben Kollegen, immer öfter auch Kolleginnen, ins Löschfahrzeug. In dem Moment bemühe er sich, seinen meist hochtourigen Puls mit Atemübungen herunterzudimmen. Vor Ort melde er sich bei seinem Gruppenführer und werde zugeteilt.

Auf dem Zollikerberg seien, Gott sei Dank, keine Bewohner mehr im Haus gewesen, und man habe sich ganz auf das Löschen des Feuers konzentrieren können. Als einfacher Soldat habe er geholfen, den Schlauch in die brennende Wohnung zu tragen. Er stöhnt: «Erstmals habe ich realisiert, wie heiss es dort wird.»

In dieser Zeit wird er zusätzlich Mitglied im Samariterverein. Es zieht ihn stark in Richtung Sanität: «Ich merkte schnell, dass es mir mehr entsprach, medizinische Hilfe zu leisten statt jemanden aus dem Feuer zu holen.»

Angefressen vom Tatü-Tata-Fieber?

Man fragt sich natürlich, was einen Jugendlichen dazu bewegt, in seiner Freizeit Brände zu löschen und Schwerverletzte zu betreuen. Ist er angefressen vom Tatü Tata-Fieber? Er schüttelt den Kopf; seine Familie habe keinerlei Verbindung zum «Blaulicht-Milieu». Das Geld kann es auch nicht sein. Er lacht: «Nein, natürlich nicht.» Wobei der Sold pro Einsatz durchaus der Rede wert sein könne. So habe er beispielsweise bei einem Rohrbruch, der den Keller eines Hauses unter Wasser gesetzt habe, 300 Franken verdient: «Das reichte, um mir ein neues Handy zu kaufen.»

Was ist es dann? Das Helfersyndrom? Das habe er sich selber auch schon gefragt. Doch dazu fehle ihm der Drang, um nicht zu sagen Zwang, den Betroffene offenbar spüren. Er fühle sich nicht auf unkontrollierbare Art dazu genötigt, Hilfe zu leisten.

Nein, es ist etwas anderes. Bei einem Glas Mineralwasser erzählt er, was ihn wirklich motiviert: «Ich erlebe es als äusserst sinnvoll und erfüllend, wenn ich einem Menschen in Not helfen, ja, ihn im schlimmsten Fall sogar aus Lebensgefahr befreien kann.» Er leiste gern einen kleinen Beitrag dazu, diese turbulente Welt etwas besser zu machen: «Sie wird nämlich nicht besser, wenn alle die Hände in den Schoss legen.» Dazu diene es auch ihm selber, wenn er wisse, wie man sich bei einem Unfall mit dem Auto oder in den Bergen verhalte.

Als Sanitäter an Springreiter-Turnieren

Inzwischen hat David Strässler sein Engagement erweitert. Nachdem er im Militär Wachtmeister bei den Sanitätstruppen geworden war, entdeckte er den Schweizerischen Militär- und Sanitätsverband (SMSV). Dessen Aktionsradius sei deutlich grösser, und er habe die Chance auf eine Weiterentwicklung gesehen. So pflege der SMSV eine Partnerschaft mit dem Reitverband Zürich Oberland, was dazu führe, dass er regelmässig als Sanitäter an Springreiter-Turnieren im Einsatz sei. Dort komme es immer wieder zu Stürzen und Unfällen, und er sei für die Erstversorgung Betroffener zuständig. Neu ist er nun auch noch Instruktor geworden und kann selber Nothelferkurse leiten. Zwei Reanimationskurse habe er bereits durchgeführt.

Letztes Jahr sei er offiziell 140 Stunden für den SMSV im Einsatz gestanden, wobei diese Rechnung weder seine Vorbereitung noch zusätzliche Übungen erfasse. Er zuckt mit den Achseln: «Das macht gar nichts.» Dass er am richtigen Ort sei, habe er gemerkt, als sich seine beruflichen Pläne immer mehr Richtung Rettungssanitäter verschoben. So beschloss er, die vierjährige Ausbildung zu absolvieren. Dazu musste er zunächst einmal den Lastwagen-Führerschein machen. Bereits im Kasten. Momentan sucht er einen Praktikumsplatz bei einem Rettungsdienst wie «Regio 144» oder «Schutz und Rettung.»

Reanimation in «no time»

Was ihn zusätzlich qualifiziert, ist sein Einsatz als First Responder in der Gemeinde Zollikon. Das ist ein neues Hilfsangebot, das anfangs 2024 auch im Kanton Zürich eingeführt wurde. Es soll Menschen retten, die nach einem Herzinfarkt oder einem Hirnschlag bewusstlos sind oder anderweitig in Lebensgefahr schweben. Die Aufgabe der First Responder ist es, die kurze Phase zwischen der Alarmierung und dem Eintreffen des Rettungsdienstes zu überbrücken.

Man wisse aus Erfahrung, dass die Ambulanz zwischen 10 und 15 Minuten bis zum Eintreffen am Einsatzort brauche. Nun hätten solche Patienten allerdings pro ungenutzter Minute zehn Prozent weniger Überlebenschance. Sobald alarmiert, muss David Strässler also in «no time» vor Ort sein, um mit der Reanimation zu beginnen. Ein zweiter Kollege geht ihm zur Hand, ein dritter holt den am nächsten platzierten Defibrillator. Über die Gemeinde Zollikon seien insgesamt 26 Geräte verteilt.

Von seinen bisher neun Einsätzen seien leider nur drei erfolgreich gewesen; sechsmal sei es nicht gelungen, den Betroffenen zurückzuholen. Es sei eine extrem anspruchsvolle Aufgabe. Viele Leute hätten keine Ahnung, wie sie in einer solchen Notsituation handeln müssten. Das erhöhe seine Motivation, weitere Reanimationskurse durchzuführen.

Im Fellkostüm für 6000 Franken

Der 25-Jährige ist ein ernsthafter junger Mann, höflich und aufmerksam. Die sorgfältige Art, wie er erzählt, lässt erahnen, mit wieviel Engagement er Erste Hilfe leistet und im besten Fall als Lebensretter auftritt. 

Doch David Strässler hat noch eine ganz andere Seite, die auf den ersten Blick fast ein bisschen skurril wirkt. Er ist Fan von Cosplay, einer aus Japan stammenden Kunstform, bei der die Teilnehmenden Charaktere aus Filmen wie Star Wars, Computerspielen oder Comics möglichst originalgetreu darstellen. Das können Bösewichte oder Superhelden sein.

Der junge Zolliker ist Teil der sogenannten Furry-Community, einer Gruppe von Leuten, die in Kostüme aus Kunstpelz (engl. furry) schlüpfen und an riesigen Fantasy-Events mit Hunderten von Gleichgesinnten Spass haben. David tritt als schwarzer Drache aus dem Abenteuerfilm «How to train your Dragon?» auf und trägt ein Kostüm, das er sich für stolze 6000 Franken hat massschneidern lassen. Oft ist er an Anlässen wie der Fantasy Basel, der Zürcher Popcon, einem Riesenfestival, oder verschiedenen Mittelalter-Märkten anzutreffen.

Zweiter von links im Drachenkostum: David Strässler
Dritter von links im Drachenkostüm mit rotem Halstuch: David Strässler

Als er die Konsternation im Gesicht seines Gegenübers sieht, lacht er schallend: «Ich liebe dieses Hobby, es ist für mich ein wunderbarer Ausgleich zu den oft auch belastenden Einsätzen als Sanitäter und First Responder.» Er sei weit über die Landesgrenzen hinaus mit Kollegen und Kolleginnen vernetzt, Deutsche, Schwedinnen, Italiener, und geniesse diesen unbeschwerten Austausch.

Teil 1: Unkorrekt, aber unglaublich lustig

Teil 2: Tanzen, um zu überleben

Teil 3: Grosse Liebe zu einer Diva

Teil 4: Der eigenen Geschichte auf die Spur kommen

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