Der eigenen Geschichte auf die Spur kommen
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14. April 2026 – Der pensionierte Primarlehrer Adrian Michael liebt es, die Geschichte von Zollikon zu erforschen. Er hat eine intensive Beziehung zu historischen Orten, aber auch alten Häusern, deren Zerstörung ihn traurig stimmen kann.

VON BARBARA LUKESCH
Wenn der kleine Adrian aufs Dach des Hauses in Wollishofen stieg, in dem er aufwuchs, konnte er das Seebecken von Höngg bis Küsnacht überblicken. Seine Mutter hatte ihm erzählt, dass die Kirche am direkt gegenüberliegenden Seeufer in Zollikon stehe, jenem Ort, wo auch seine Tante Hedi wohnte. Das seien seine frühesten Bezüge zu Zollikon gewesen, erzählt er: «Mehr wusste ich damals nicht.»
In Wollishofen aber kannte er sich aus. Das Geschichtsbuch «Alt Wollishofen» mit seinen Bildern aus vergangener Zeit faszinierte ihn. Als er in der 6. Klasse einen Vortrag über ein Thema seiner Wahl halten musste, entschied er sich denn auch für die Geschichte seines damaligen Wohnorts.
Dass die Vergangenheit Spannendes zu bieten hat, hatte er bereits realisiert, als seine Mutter ihm vom Tagebuch seines Grossvaters erzählte, einem Missionar der Herrnhuter Gemeine. Dieser hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine abenteuerliche Reise mit Dampfschiff, Eisenbahn, Kutsche und Maultierkarawane bis in ein Bergtal im Himalaya auf sich genommen, um den Einheimischen den christlichen Glauben zu bringen. Adrian hörte ihren Erzählungen interessiert zu.
Damit waren die ersten Keime gesetzt, die in Adrian Michael, dem inzwischen 71-jährigen ehemaligen Primarlehrer, so etwas wie ein historisches Bewusstsein weckten. Dass sich dieses im besonderen Masse auf Zollikon richtete, hatte letztlich mit seiner ersten Anstellung im Jahr 1977 zu tun, die ihn nach Zollikon führte, wo er während seines gesamten Berufslebens blieb.
In der vierten Klasse, so sieht es der Lehrplan vor, steht im Fach Heimatkunde die eigene Gemeinde im Zentrum. Der junge Lehrer musste sich von «null auf hundert einarbeiten». Bei seinen Recherchen stellte er fest, dass es auffällige Parallelen zwischen Wollishofen und Zollikon gibt. Beide sind Seegemeinden und bestehen aus verschiedenen Dorfkernen wie dem Kleindorf, dem Kirchhof, dem Oberdorf oder Gstad – kleinen Weilern, die im Laufe der Zeit zusammenwuchsen.
Adrian Michael vertiefte sich in die Lektüre von lokalen Büchern wie «Das alte Zollikon» oder «Heimatkunde Zollikon», so war er schnell im Thema drin. Die Geschichte der Keltengräber interessierte ihn besonders, aber auch alte Gebäude wie das «Rössli», das wohl älteste Zolliker Haus «Hinter Zünen» Nr. 8 oder der «Traubenberg» an der Seestrasse.
Dass er kürzlich die Gelegenheit ergriff und sich nochmals das vollständig leergeräumte Haus «Hinter Zünen» in aller Ruhe anschaute, zeigt seinen intensiven Bezug zum alten Gemäuer. Er sagt denn auch: «Als ich in diesen Zimmern stand, spürte ich regelrecht körperlich, wie die Geschichte aus jeder Wand trieft.» Es habe ihn fast ein wenig geschaudert, als er merkte, wie stark ihn diese alten Mauern mit in die Vergangenheit nahmen. https://www.zollikernews.ch/ein-leeres-haus-voller-geschichten/ Die Vorstellung, dass dieses Denkmal einer fernen Zeit vernachlässigt werden könnte, tue ihm «wirklich weh».
Ähnlich ergehe es ihm, wenn er die Diskussionen über das Haus an der Alten Landstrasse 93/95 am Eingang des Dorfes verfolge: «Dass man ein solches jahrhundertealtes Zeugnis unserer Geschichte entfernen will, macht mich einerseits traurig, andererseits besteht aber wirklich auch ein Bedarf an Alterswohnungen.»
So entstand bei ihm der Wunsch, selber etwas dazu beizutragen, dass die Geschichte seines Wohnorts nicht in Vergessenheit geriet. Er begann Bücher zu schreiben, darunter «Sagenhaftes Zollikon», sein Hauptwerk, wie er es nennt, in dem er sich mit den Zolliker Sagen beschäftigt. Die bekannteste und älteste Geschichte sei jene von den Zolliker «Lunggesüüdern».
Alle anderen tauchten erstmals 1944 und 1968 in Neuauflagen des Heimatkundebuchs «Unser Zollikon» auf. Adrian Michael fragte sich, warum sie früher nie erwähnt worden waren. «So gut recherchiert und geschrieben sie auch sind», schmunzelt er, «bin ich den Verdacht nie losgeworden, dass der oder die Herausgeber sie einfach erfunden haben.» Offenbar habe sich der Sekundarlehrer Schlatter geschichtsträchtige, gern auch etwas unheimliche Orte ausgesucht, an denen er «seine» Sagen angesiedelt habe.
Unabhängig davon war es Michael ein Anliegen, diese Geschichten am Leben zu erhalten, wenn auch in leicht modernisierter sprachlicher Form, und in einen lokalhistorischen Zusammenhang einzubetten. So sei er beispielsweise in einem Dokument aus dem Mittelalter darauf gestossen, dass im Galgenbühl, dem Schauplatz einer der Sagen, tatsächlich einmal ein Galgen stand.
Ein Medium, das sich Adrian Michael ebenfalls zunutze macht, um die Zolliker Geschichte am Leben zu erhalten, ist Wikipedia. Er hat eine Reihe von Artikeln zu Orten wie der Trichtenhauser Mühle oder dem «Rössli» verfasst, mit denen er Geschichte nachvollziehbar machen möchte: «Im besten Fall sollten wir ja daraus auch etwas für unsere Gegenwart lernen», hält er fest. Ihn erschüttere es auf jeden Fall immer wieder aufs Neue, wenn er auf alten Bildern und Karten realisiere, wieviel Natur wir bereits preisgegeben haben, «um moderne 0815-Kästen zu errichten».
Vom gleichen Interesse geleitet sei sein Engagement für das «Zolliker Jahrheft», dessen Redaktion er seit bald zehn Jahren vorsteht. Auch mit seinen Rundgängen durchs Dorf oder über den Zollikerberg, die er im Auftrag des Verschönerungsvereins durchführt, will er den Teilnehmenden die Wurzeln ihres Wohnorts näherbringen. Am schönsten finde er es, wenn jemand am Schluss der Veranstaltung sage: «Nun wohne ich seit dreissig Jahren hier, und habe von all dem nichts gewusst.»
Teil 1: Unkorrekt, aber unglaublich lustig
Teil 2: Tanzen, um zu überleben
Teil 3: Grosse Liebe zu einer Diva
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