Mit dem Herz durch die Wand
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27. Mai 2026 – Yannick Staubli* ist seit früher Jugend begeisterter Sänger und Gitarrist. In seiner Freizeit schreibt und produziert er Songs, zunächst als «Jack Zhoul», jetzt unter dem Label MØNUMNTS. Er erzählt von einer faszinierenden Welt, in der einem nichts geschenkt wird.

VON BARBARA LUKESCH
Klick gemacht hatte es am 1. August 2015. Yannick war am Vorabend mit ein paar Freunden an der Langstrasse unterwegs. Es war ziemlich spät geworden, und sie hatten einiges an Alkohol intus. So übernachtete er bei Soui und Miles, die damals im Kreis 4 wohnten und ihm einen Platz auf dem Sofa freiräumten.
Als sie gegen Mittag auf den Balkon schlurften, schüttelten alle den Kopf: Mein Gott! So ein Kater. Immerhin wartete ein wunderschöner Sommertag auf sie, und sie hatten frei. Da entdeckte Yannick eine Gitarre. Er griff sich das Instrument, an dem zwar zwei Saiten fehlten und die für Rechtshänder gemacht war. Egal. Er probierte sie zu stimmen und begann ein bisschen herumzuklimpern. Als er «Fly away» von Lenny Kravitz spielte, «ein Song mit supereinfachen Akkorden», wie er erzählt, und dazu sang, war die Begeisterung unter seinen Freunden gross: «Voll geil! Spiel mehr!»
Doch er wusste, dass es aussichtslos war, dem ramponierten Instrument weitere Akkorde zu entlocken. Soui und Miles gaben keine Ruhe. Und so fuhr er mit dem Taxi in seine Wohnung in Wollishofen und holte seine Akustik-Gitarre für Linkshänder. Die anderen besorgten in der Zeit am Hauptbahnhof alle Zutaten für einen leckeren Brunch.
Applaus von den Nachbarn
Sie verbrachten den ganzen Tag auf dem Balkon, assen etwas, tranken Kaffee, bald auch wieder ein Bier oder zwei, und Yannick spielte Gitarre und sang dazu. Coversongs wie «Hotel California» oder «Rings of Fire». Auf den Balkonen des Innenhofs hatten sich inzwischen zahlreiche Leute versammelt und klatschten begeistert Beifall. Yannick konnte es fast nicht glauben: «Machen die sich über mich lustig?», habe er sich gefragt. Bis zu diesem Tag habe er nie daran gedacht vor Publikum aufzutreten: «Der Gedanke war mir völlig fremd.»
Die Musik spielte zwar schon länger eine grosse Rolle in seinem Leben. Er war aufgewachsen mit den Alben von Pink Floyd, Deep Purple und Amy Winehouse; als Zehnjähriger kaufte er sich seine erste CD von Limp Bizkit. Ihm gefielen auch Bands wie «Crazy Town», «Linking Park» oder «Papa Roach».
Zuhause bei seinem Jugendfreund Carlo, einem tollen Gitarristen, realisierte er auf einmal, dass es der verzerrte Gitarrensound war, den er an der von ihm geliebten Musik «so geil» fand. Nach und nach wuchs der Wunsch, selber auf einer solchen Gitarre zu spielen. Seine Eltern schenkten ihm ein Instrument, und er nahm Stunden. Gleichzeitig entdeckte er weitere Bands wie «The Scorpions» oder «Guns N’Roses» mit dem legendären Gitarristen Slash. In der Zeit vom aufkommenden iPod und den damals noch verbreiteten illegalen Downloads war es ein Leichtes, jede Musik zu jedem Zeitpunkt zu hören. Je länger je mehr achtete er auf die Gitarrensoli und versuchte sie nachzuspielen.
Eine Gibson Les Paul zur Konfirmation
Zu seiner Konfirmation erfüllte sich sein grösster Wunsch: Er bekam eine Gibson Les Paul, die Gitarre, die nicht zuletzt dank Slash weltberühmt geworden war. Yannick spielte fortan in jeder freien Minute. Er genoss es, wenn sein Vater abends zu ihm in sein Zimmer kam, sich aufs Bett legte, ihm zuhörte und Lob spendete oder Kritik übte. Als einstiger Hobby-Bassist mit gutem Musikgehör hatte er wirklich etwas zu sagen.
Doch in jener Zeit, Yannick war 17, lief so viel anderes, dass die Musik und vor allem sein Gitarrenspiel in den Hintergrund traten. Er verbrachte ein Austauschjahr in Neuseeland, die Gitarre hatte er mitgenommen, aber sie blieb ungenutzt. Nach seiner Rückkehr in Zürich begann er mit ebenso grosser Leidenschaft Rugby zu spielen und wurde mit GC sowohl Cupsieger wie Schweizer Meister.
Eine neue musikalische Welt
Doch die Liebe zur Musik war keineswegs erloschen. Ganz im Gegenteil. Als er die Alben des amerikanischen Singer-Songwriters John Mayer kennenlernte, habe sich ihm nochmals eine neue musikalische Welt eröffnet. Die Mischung aus Rock, Blues, Pop und Soul begeisterte ihn. Er kaufte sich seine erste akustische Gitarre. «Das Feuer war wieder entfacht», erzählt er, und er begann auch eigene Songs zu schreiben. «Auf sehr bescheidenem Niveau», räumt er ein, «aber der Anfang war gemacht.»
Dann kam der 1. August 2015 auf dem Balkon von Soui und Miles. Von da an hätten die beiden ihn «mega gepusht: Kein Ausgang, ohne dass es hiess: Hast du die Giti dabei?» Yannick war hoch motiviert. Erste Auftritte und kleine Konzerte schlossen sich an. Als an einem via Facebook organisierten Event knapp 100 Personen aufgetaucht seien, habe er allerdings vor lauter Lampenfieber wegrennen wollen. Doch kaum habe er den ersten Song angestimmt, sei alles gut und supercool gewesen.
Die Sache mit dem Namen
Als er eine Anfrage für ein Konzert in der Basler Markthalle erhielt, tauchte unversehens ein neues Problem auf: er hatte noch gar keinen Namen. Was sollten denn die Veranstalter ins Programmheft schreiben? Nicht ganz einfach, etwas Passendes aus dem Ärmel zu schütteln. Am Schluss wurde es eine Kombination aus Jack – angelehnt an Jack Savoretti, den englischen Sänger, dem er damals mit seinen Freunden durch halb Europa hinterhergereist sei –, und Zhoul, übernommen vom Namen seiner Motorrad-Clique «Brothers of Zhoul», wobei das Zh auf Zürich verweist.
Als Jack Zhoul trat er mit eigenen Liedern auf, aber auch mit Cover-Songs. Seine Richtung umschrieb er jeweils mit «einem Mix aus Blues, Pop, Soul, Folk, aber auch Rock». Nicht ganz einfach, anhand dieser Beschreibung sein Profil zu erkennen. Als er während dem ersten Corona-Lockdown viel Zeit hatte, nahm er mit seinem Freund Carlo, der auch als Produzent arbeitet, eine erste EP mit sechs eigenen Songs auf. Auch diese Auswahl bezeichnet er im Nachhinein als «Mega-Mix verschiedener Genres und Inspirationen», was auch daran gelegen habe, dass er einfach viele verschiedenen Arten von Musik toll finde.
Zu viel gewollt, aber viel gelernt
Doch aus heutiger Sicht sei ihm klar, dass er damals zu viel gewollt habe. Was allerdings auch zur Folge gehabt habe, dass er bei der Zusammenarbeit mit Carlo enorm viel gelernt habe über das Arrangieren von Songs, das Produzieren und letztlich das Herausgeben einer EP.
Am 28. August 2020 veröffentlichte er daraus seine erste Single «Dreams», in der er eine Welt ohne Rassismus und Diskriminierungen entwirft. Es war die Zeit, in der der schwarze US-Amerikaner George Floyd von einem Polizisten ermordet wurde. So traf der Song einen Nerv und wurde auf der Stelle in einer Spotify-Playlist aufgenommen. Bereits am ersten Tag habe er 1500 Streams eingeheimst und sei im siebten Himmel geschwebt: «Wow, das Business ist ja voll easy», habe er frohlockt.
Dass dies eine Illusion war, merkte er bald. «Es hatte niemand auf Jack Zhoul gewartet», räumt er ein und lacht. In der Folge war Aufbauarbeit angesagt: Marketing, Social Media, Streaming Plattformen beackern, Website-Gestaltung. Er seufzt: «Alles Sachen, die ich nicht wirklich gern mache, als Einzelmaske aber dennoch selber in Angriff nehmen muss.»
Seine grosse Leidenschaft gehöre nach wie vor dem Komponieren, Texten und Arrangieren seiner Songs. Die Lieder fielen ihm regelrecht zu. Mal sei es die Liebe, die ihn inspiriere, ein anderes Mal aber auch Liebeskummer oder die Trauer über den Tod seines Grossvaters oder eines viel zu früh verstorbenen Freundes. Mit «Up» hatte er den ersten Song, der auch im Schweizer Radio gespielt wurde. Es sei Schritt für Schritt vorangegangen.
Rückkehr zu den Anfängen
Dann lernte er Benji Alasu kennen, jenen Produzenten, der mitbeteiligt war am ESC-Siegerlied von Nemo. Yannick genoss es, dank ihm neuen Input zu bekommen und neue Leute kennenzulernen. Erstmals habe er mit ihm auch seine rockige Seite ausgelebt, was unter anderem in seinen Songs «Higher», aber noch stärker in «Sin for me» zum Ausdruck komme.
Damit habe er seine Transformation eingeläutet, die eigentlich mehr eine Rückkehr zu seinen Anfängen und seiner Begeisterung für die verzerrte Gitarre sei. Seine Musik sei seither eindeutig rauher und rockiger geworden, wobei es durchaus auch immer wieder mal Platz gebe für etwas Poppiges. «Human» sei beispielsweise eine Mischung aus beiden Stilrichtungen.
«Das wahre Highlight»
Sobald er für Konzerte angefragt wurde, merkte er schnell, dass ihm eine Band fehlte. Er habe zwar für mehrere Auftritte am Andermatt Live-Festival eine Ad Hoc-Formation zusammenstellen können, war aber nicht wirklich zufrieden: «Es gab jedes Mal Riesenstress, auch wenn die Konzerte letztlich toll waren.» Es sei schon das «Grösste, vor Publikum aufzutreten, wie im Rausch Zeit und Raum zu vergessen und mit Freunden zusammen etwas zu kreieren, was grösser ist als die Summe der Einzelteile.» Das sei «das wahre Highlight» im Leben eines Musikers.
Um diesem Traum näherzukommen, organisierte er 2023 eine Plattentaufe im Zürcher Musiklokal X-Tra, an der er mit Carlo, einem Schlagzeuger und einer Bassistin, drei tollen Profis, seine neue EP vorstellen konnte. Er wollte den Anlass auch nutzen, um sich so etwas wie eine Visitenkarte seines musikalischen Schaffens herzustellen. Der Saal war voll, die Stimmung grossartig und Yannick in Bestform. «Es war ein Hammerabend», erinnert er sich. Ein Videograf nahm das Konzert auf, um daraus einen Spot für Festivals, Club- und Barbetreiber zu schneiden. Die Leute sollten sehen und hören, was Jack Zhoul live zu bieten hatte.
Doch dann spielte ihm die Technik einen Streich: Alle Audio-Aufnahmen waren weg, die Festplatte hatte komplett den Geist aufgegeben. Yannick seufzt noch heute: «Das war ein echter Tiefschlag, der mir für lange Zeit die Motivation geraubt hat.»
Neuer Name, erste Single: «Oblivion»
Irgendwann rappelte er sich wieder auf und nahm mit Carlo, aber vor allem mit Benji neue Songs auf. Er habe noch mehr Gas gegeben Richtung Rock und gespürt, dass hier seine wahre Leidenschaft liege. Je mehr rockige Elemente er zugelassen habe, um so leichter sei ihm das Schreiben gefallen. Weitere EPs entstanden, und er wusste, dass es nun erneut darum ging, das Marketing zu verstärken. Für einmal leistete er sich den Luxus und verpflichtete den Mitarbeiter einer Werbeagentur. Bei der Zusammenarbeit stellte sich schon bald heraus: Der Name Jack Zhoul passt nicht länger zum neuen Sound. Es brauchte ein Rebranding.
Bei einem Brainstorming bescherte das Schicksal Yannick schnell den Namen «Monuments»: «Es fühlte sich sofort richtig an», erinnert er sich. Um sich von anderen Bands abzugrenzen, feilte er noch etwas an dem Begriff. Herausgekommen ist nun «MØNUMNTS». Damit komme gut der monumentale Charakter seiner Musik zum Ausdruck, die einerseits laut, heftig, voll rockig sei, aber durchaus auch mal leise und sehr intim werden könne, begleitet nur von der akustischen Gitarre. Ein Journalist habe einmal über ihn geschrieben, er mache Musik «die mit dem Herzen durch die Wand geht». Das habe etwas.
Soeben hat er die erste Single aus seiner neuen EP ausgekoppelt: «Oblivion». Ein wuchtiges Stück, das dem Profil von MØNUMNTS voll und ganz entspricht. Auch wenn er wisse, wie umkämpft der Markt sei, hoffe er natürlich, dass seine Musik kombiniert mit dem neuen Namen und einem neuen Social Media-Auftritt mit attraktiven Bildern und Videos nun richtig Fahrt aufnimmt.
Im Herbst plant er eine Plattentaufe mit einem öffentlichen Konzert. Dabei will er nochmals einen Anlauf nehmen und Videoaufnahmen machen lassen. Doch bis dahin steht ihm noch viel Arbeit ins Haus: er möchte endlich seine eigene Band haben. Die Crux? Er wisse natürlich, dass er über sehr bescheidene finanzielle Ressourcen verfüge und damit kaum Profi-MusikerInnen engagieren könne. Seine Vision sehe darum so aus: drei, vier junge Leute, eine Bassistin, einen Schlagzeuger, vielleicht noch eine Gitarristin, die den Zauber des gemeinsamen Musizierens auf einer Bühne genauso stark empfinden wie er. Er sagt: «Das könnte etwas werden.»
Hier geht es zur Youtube Playlist
*Yannick Staubli ist unser Sohn
Teil 1: Unkorrekt, aber unglaublich lustig
Teil 2: Tanzen, um zu überleben
Teil 3: Grosse Liebe zu einer Diva
Teil 4: Der eigenen Geschichte auf die Spur kommen
Teil 5: Vom Glück, Leben zu retten
Teil 6: Der fliegende Kinderwagen
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