Der fliegende Kinderwagen
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19. Mai 2026 – Am 25. Juli 1909 flog Louis Blériot mit der Blériot XI als erster Mensch über den Ärmelkanal. Mit seinen grossen Rädern sieht das Modell aus wie ein fliegender Kinderwagen. Entsprechend bockig verhält es sich in der Luft.

VON RENE STAUBLI
Früher war es Ehrensache, Flugmodelle von Grund auf selber zu bauen. Meinen ersten Flieger («Der kleine Uhu») leimte ich als Primarschüler in einem Ferienkurs zusammen. Ihm folgten über die Jahre mehr als ein halbes Dutzend Modelle, vor allem ferngesteuerte Segelflieger, einer davon bereits mit einem Elektromotor.
Mit 20 verlor ich das Hobby aus den Augen, anderes war wichtiger. Vor 9 Jahren packte mich dann das Fieber erneut, als meine Frau für einen regionalen Modellfliegerverband ein Seminar in Öffentlichkeitsarbeit abhalten musste und mich mit Fragen löcherte.
Meine Liebe gilt inzwischen Retro-Modellen. Ich besitze unter anderem zwei Messerschmitt M35, die eine gelb-schwarz und stärker motorisiert, die andere in weiss-rot gemächlicher unterwegs. Das deutsche Sportflugzeug wurde 1933 für den Kunstflug gebaut. Zu meinen Favoriten gehörte auch der 3-Meter-Segler Bergfalke Mü13e, der in den 1950er-Jahren als Doppelsitzer für Schulungsflüge eingesetzt wurde. Leider ist das Modell letzte Saison nach einem Steuerfehler abgestürzt. An eine Reparatur war nicht mehr zu denken.
Nach wie vor bester Gesundheit erfreut sich mein drittes Lieblingsflugzeug, die Evans VP-1 Volksplane. Das Vorbild wurde Ende der 1960er-Jahre in Kalifornien konstruiert und mit einem modifizierten VW-Motor versehen, deshalb der Name, angelehnt an «Volkswagen». Weltweit wurden Tausende von Bauplänen verkauft. Amerikanische Farmer hielten damit nach ihren Rinderherden Ausschau. Mein Modell zieht deutlich kleinere Kreise, dafür flattert das bunte Halstuch des Piloten fröhlich im Wind.



Faszination auf den ersten Blick
Bei einem Besuch im Fliegermuseum Altenrhein wurde ich auf eine Replika der Blériot XI aufmerksam. Nachforschungen ergaben, dass sie auch als Modell erhältlich ist: mit 180 cm Spannweite, ausgelegt auf Benzin- und Elektromotoren, Abfluggewicht 6 bis 7 Kilogramm. Wer wie ich über keine Werkstatt verfügt, ist froh, dass es auf dem Markt inzwischen auch Halb- oder Dreiviertelfabrikate gibt – mit einem vorgefertigten Rumpf und bespannten Flügeln. Solche Modelle sind für rund 600 Franken zu haben. Empfänger, Servos, Akkus, ein leistungsstarker Elektromotor und eine passende Pilotenpuppe müssen separat angeschafft werden. Insgesamt kommen da gut und gern 1000 bis 1500 Franken zusammen.



Als erstes «häutete» ich die Flügel meiner Blériot und bespannte sie mit einer Retro-Folie, die zum Original passt. Weil ein Elektromotor viel leichter ist als der vorgesehene Benzinmotor, gab es ein echtes Problem mit dem Schwerpunkt, das nur zu lösen war, indem ich eine grosse Öffnung in den Motorspant fräste und die beiden Akkus auf einer «Rutschbahn» weit nach vorne schob. Trotzdem war noch zusätzlicher Bleiballast nötig, um das Modell auszuwiegen. Die mannigfaltigen Detailarbeiten bis hin zur Justierung der Flügelverspannungen zogen sich über den ganzen Winter hin.
Hilfe von erfahrenen Kollegen
Unser Modellfluggelände liegt zwischen Zumikon und Maur direkt hinter den Golfplätzen. Wir verfügen inmitten der grossartigen Natur über eine 60 Meter lange Asphalt- und eine ebenso lange Rasenpiste. Ein grosser Vorteil der Klubzugehörigkeit liegt darin, dass einem erfahrene Kollegen mit Rat und Tat beistehen.
Mein «Götti» für den Jungfernflug war ein pensionierterFlugkapitän und langjähriger Modellbauer. In seiner Werkstatt in Hombrechtikon prüften wir alle Funktionen und kontrollierten den Schwerpunkt. An einem Morgen mit Sonne und schwachem Wind trafen wir uns auf dem Fluggelände und machten uns bereit für den Start. Puls 180 – jedenfalls bei mir.
Die Premiere verlief ernüchternd. Zwar stürzte der antike Vogel nicht ab, was als Erfolg zu werten war, aber er neigte ohne massives Gegensteuern zum Sturzflug. Die Landung gelang nur mit Mühe. Also kein zweiter Versuch, sondern zurück in den «Hangar», um Änderungen am Höhenleitwerk vorzunehmen. Die sogenannte Einstellwinkeldifferenz EWD – die Neigung des Höhenleitwerks im Verhältnis zur Neigung der Tragflächen – war deutlich zu gering.
Eine Woche später ein neuer Anlauf. Nun lag der Flieger stabiler in der Luft und liess sich besser steuern, blieb aber nach wie vor weit unter unseren Ansprüchen. Zwar gab es Fortschritte beim Start und bei der Landung, aber bei der Niederschrift dieser Zeilen sind die Einstellarbeiten noch längst nicht beendet. Drei «Stellschrauben» stehen zur Auswahl: Erneute Erhöhung der EWD, Verschieben des Schwerpunkts nach hinten und/oder Reduktion des sogenannten Motorsturzes, der Abweichung der Motorachse zur Horizontalen. Pro Testflug wird nur an einer Schraube gedreht, damit klar ist, welche Massnahme was bewirkt.
Das Faszinierende an diesem Hobby ist nicht nur die Fliegerei, sondern auch die Komplexität der Materie, die interessanten Diskussionen über Modelle, Elektronik, Ruderanlenkungen, geeignete Propeller, taugliche Materialien und die Programmierung der Fernsteuerung. Und natürlich über Abstürze, die einen jeweils am eigenen Können zweifeln lassen, aber verarbeitet werden müssen. Unser ehemaliger Platzchef brachte die Sache einmal auf den Punkt: «Wer mit einem Absturz nicht umgehen kann, soll besser isebähnle.»
Dass das Einfliegen eines Flugmodells an die Nerven geht, beweist das nachfolgende Video. Es zeigt aber auch die ganze Faszination dieses wunderbaren Hobbys, das uns alle gefangen nimmt und nicht mehr loslässt:
Bisherige Beiträge
Teil 1: Unkorrekt, aber unglaublich lustig
Teil 2: Tanzen, um zu überleben
Teil 3: Grosse Liebe zu einer Diva
Teil 4: Der eigenen Geschichte auf die Spur kommen
Teil 5: Vom Glück, Leben zu retten
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