Akupunktur und Tinkturen für ein Baby

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24. Dezember 2021 – Paola Nakahara ist Spezialistin für traditionelle chinesische Medizin. Sie behandelt Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch. Die 41-Jährige lebt mit ihrer Familie in Zollikon, ursprünglich kommt sie aus Sachsen.

Porträt Paola Nakahara
Paola Nakahara (Foto: bl)

Da ist die Frau, die zehn Jahre lang die Anti Baby-Pille genommen hat und sich nun mit anfangs dreissig ein Kind wünscht. Als sie sechs Monate nach dem Absetzen der Pille immer noch keinen regelmässigen Zyklus hat, wird sie ungeduldig. Sie hat das Gefühl, ihre Umgebung beobachte sie mit Argusaugen und warte darauf, dass sie endlich schwanger werde. Ihr Stress wird immer grösser und sie immer verzweifelter. 

Eine andere ist bereits seit fünf Jahren in Behandlung in einer Kinderwunschklinik und hat sich mehreren In Vitro-Fertilisationen (IVF) unterzogen. Dabei werden Ei- und Samenzellen ausserhalb des Körpers der Frau verschmolzen. Anschliessend wird ein Embryo in die Gebärmutter eingesetzt.

Diese Methode erfordert langwierige Hormonbehandlungen. Die Betroffenen haben zahlreiche Arzttermine, an denen sie Tests und Kontrollen wie Ultraschalluntersuchungen über sich ergehen lassen müssen. Dass rund ein Drittel aller Schwangerschaften zu Frühaborten führen, realisieren viele dieser Frauen nicht. Erleben sie selber einen Abort, sind sie tief frustriert und geraten zusehends in Panik. Ihr Leben steht ganz im Bann ihres Kinderwunschs, der alles andere über Jahre hinweg in den Hintergrund treten lässt.

Auch Männer tun sich mitunter schwer, wenn der Kinderwunsch nicht in Erfüllung geht. Dass auch sie ihren Teil zu diesem Problem beitragen, ist längst erwiesen. So hat eine internationale Studie in 50 Ländern zutage gefördert, dass die Spermienkonzentration in der Zeit von 1970 bis 2010 vor allem in den westlichen Industrieländern um über 50 Prozent gesunken ist.

Vielfältige Aufgabe

Mit solchen Frauen und Männern hat Paola Nakahara regelmässig in ihrer Praxis in Oerlikon zu tun. Sie ist Spezialistin für traditionelle chinesische Medizin TCM und bezeichnet die Behandlung von Menschen mit unerfülltem Kinderwunsch als einen Schwerpunkt ihrer Arbeit. Dass die Methode wirksam sei, gelte inzwischen als gesichertes Wissen und habe dazu geführt, dass verschiedene Kinderwunschkliniken ihr Angebot um TCM-Expertinnen erweitert hätten, sagt die 41-Jährige.

Paola Nakahara bedient sich vor allem zweier von fünf Anwendungen, die die traditionelle chinesische Medizin ausmachen: Akupunktur und der Einsatz chinesischer Kräuter. Massagen und Ernährungstherapie zieht sie bei Bedarf ergänzend hinzu. Mit Qijong, einer Kombination aus Bewegungs- und Atemübungen, arbeitet sie nicht.

Ihre Aufgabe besteht oft aus mehreren Komponenten. Zum Einen muss sie versuchen, die sogenannte Qi-Stagnation, eine Blockade der körpereigenen Energieströme, zu beheben. Darunter leiden viele Frauen, die lange Zeit die Pille genommen und damit hormonelle Empfängnisverhütung betrieben haben.

Je nach Diagnose verabreicht sie den Betroffenen eine Mixtur aus chinesischen Kräutern, die sie schlucken beziehungsweise trinken müssen. Das sind aufbereitete Bestandteile aus Wurzeln, Zweigen, Blüten, Rinden, aber auch aus tierischen Produkten wie dem Zikadenpanzer.

Oft setzt sie gleichzeitig Akupunkturnadeln an Punkten des Körpers, die eine zentrale Rolle für den Energiefluss spielen. Dazu gehören das sogenannte «dritte Auge» (chinesisch Yintang) mitten auf der Stirn oder der höchste Scheitelpunkt des Kopfes. Im Wissen, wie wichtig in der traditionellen chinesischen Medizin gut funktionierende Nieren für die Fortpflanzung sind, stärkt sie häufig auch diese Organe mit Akupunktur.

Die Seele beruhigen

Zum Anderen weiss die diplomierte Pflegefachfrau aber auch, wie stark psychische Faktoren wie Stress, Leistungsdruck und falsche Erwartungen diese Patientinnen, aber auch deren Partner beeinträchtigen können.

In der Folge wendet sie die TCM primär zur Entspannung der Betroffenen an. Dann setzt sie der Frau, die vor einer weiteren In-Vitro Fertilisation steht, Nadeln an Punkten, die dabei mithelfen können, den Geist (Shen) zu beruhigen. Das dauere pro Behandlung 45 Minuten, die, so Paola Nakahara, «viele Patientinnen als ihre Oase bezeichnen, in der sie sich so gut entspannen können, dass sie sogar einschlafen». Dazu trage unter anderem auch die Musik bei, die sie auf Wunsch abspiele, aber auch das Handyverbot, das mindestens auf der Liege gelte.

Mangelnde Aufklärung komme als weiterer Faktor hinzu, der diese Paare zusätzlich verunsichern könne. Da wisse eine Frau nicht einmal, wann genau sie ihre fruchtbaren Tage habe. Oder ein Mann habe keine Ahnung, wie sehr er seine Samenqualität schädige, wenn er im Winter täglich mehrere Stunden auf seinem geheizten Sitz im Auto verbringe oder beim Arbeiten im Homeoffice seinen zusehends wärmer werdenden Laptop stundenlang auf seinen Unterleib halte. Sie sehe es auch als ihre Aufgabe an, so Nakahara, den Betroffenen Informationen dieser Art zu vermitteln.

«Ein grosses Tabuthema»

Ganz besonders geschätzt werde es von den Frauen und Männern überdies, dass sie mit ihr offen über ein Thema reden können, das viele immer noch als «extrem schambesetzt» erleben: «Der unerfüllte Kinderwunsch ist nach wie vor ein grosses Tabuthema.»

Um so wichtiger sei es, dass die Paare realisierten, dass sie überhaupt nicht die einzigen seien, die damit konfrontiert seien. Paola Nakahara nickt: «Vor der Geburt meines Sohnes habe ich selber auch einige Fehlgeburten und eine Eileiterschwangerschaft erlebt.» Sie sei dankbar, sei sie dank ihrer beruflichen Erfahrungen vor allzu grossem Stress und Druck verschont geblieben. (bl)

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