Aufs Riet mit «Örgeli» und Hockeystock

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27. Januar 2023 – Seit einer Woche können sich die Zolliker Schlittschuh-Fans wieder auf der sanierten KEK vergnügen. Vor etwa 80 Jahren hatten wir noch ein eigenes Eislauf-Paradies. An schönen Tagen kamen bis zu 5000 BesucherInnen. (3 Kommentare)

27. Januar 2023 – Seit einer Woche können sich die Zolliker Schlittschuh-Fans wieder auf der sanierten KEK vergnügen. Vor etwa 80 Jahren hatten wir noch ein eigenes Eislauf-Paradies. An schönen Tagen kamen bis zu 5000 BesucherInnen.  

Kinder um 1935 auf dem Eis im Riet
Um 1935: Die einen schon mit Schlittschuhen, die andern noch mit «Örgeli» (Fotos: Ortsmuseum Zollikon)

Wenn im Herbst die Wiesen gemäht waren, wuchs bei den Zolliker Jugendlichen die Vorfreude. Der Abfluss des Riet wurde gestaut, es bildete sich ein stattlicher Weiher von ungefähr drei Hektaren, der bei grosser Kälte zu einem Eisfeld gefror.

gestauter Weiher auf dem Riet
Um 1935: Gestauter Weiher auf dem Riet

Das Eisfeld wurde durch das Gartenbauamt der Stadt Zürich gewartet, denn das Riet übte auch auf die Städter eine grosse Anziehungskraft aus. An schönen Tagen vergnügten sich bis zu 5000 Personen auf dem Zolliker Eis. Bei einem Eintrittsgeld von 30 Rappen kamen an einem Tag mehr als 1000 Franken zusammen – für damalige Verhältnisse eine stolze Summe.

Auf dem Riet tummelte sich Jung und Alt
Ausruhen auf Bänkli am Rande des Eisfelds
Ausruhen auf Bänkli am Rande des Eisfelds
Viel Platz zum Eislaufen und Hockeyspielen
Viel Platz zum Eislaufen und Hockeyspielen

Für die Zolliker Jugend sei es «eine Ehre gewesen, die 30 Rappen nicht zu bezahlen», schreibt Fritz Bächli im Zolliker Jahrheft 1992 in seinen Erinnerungen. Bei der alten Trafostation an der Rütistrasse unmittelbar neben dem «Isfäldhüsli» hätten sie bereits im November «mit Zangen und anderen Mitteln» eine Öffnung in den Zaun geschnitten. Durch diese Lücke schlüpften sie, wenn niemand es bemerkte.

«Örgeli» waren Trumpf

Schlittschuhe, wie wir sie heute kennen, kamen damals erst auf. Viele schraubten sich noch die «Örgeli» an die Winterschuhe. Die grösseren Buben hätten sich darum gerissen, den Mädchen die Eisen an die Sohlen zu «örgelen», erzählt Fritz Bächli. Wer in der Aufregung zu sehr anzog, hatte den Absatz in der Hand – und keine Chance mehr bei der heimlich Angebeteten.

Die Stadtseite des Eisfelds gehörte dem breiten Publikum und dem freien Eislaufen. Auf der Zolliker Seite wurden Hockeyfelder angelegt, auf denen sich die einheimischen Buben als Platzhirsche gebärdeten. Die Jungs aus dem nahen Seefeldquartier durften nur auf dem schlechteren Eis dem Puck nachjagen.

Von heutigen Ausrüstungen konnten alle nur träumen. Schienbeinschoner fertigte man aus Karton und band sie mit Schnüren um die Waden. Wer keinen richtigen Hockeystock hatte, benutzte einen alten Spazierstock oder Regenschirm mit gebogenem Griff. Schläge auf die Hände, die nicht in gepolsterten Lederhandschuhen steckten, taten furchtbar weh.

Grog und Würste vom Grill

Schon damals spielte die Gastronomie eine wichtige Rolle. In der Werkstatt der nahen Schreinerei wurde eine Beiz eingerichtet. Es gab Würste vom Grill, allerlei Getränke und natürlich Grog gegen die Kälte. Malermeister Hausheer schmückte die Wände mit grossflächigen Winterbildern, die heute im Dorfmuseum aufbewahrt werden.

Maler Hausheer war ein echter Künstler: Eisläufer auf dem Hosenboden…
Maler Hausheer war ein echter Künstler: Eisläufer auf dem Hosenboden…
… Caffee, Punsch, Grog – und gut gekleidete Gentlemen in voller Aktion…
… gut gekleidete Gentlemen in voller Aktion (hinten das «Isfäldhüüsli»)…
…Schneeballschlacht – und nicht immer hält die dünne Eisdecke…
…Schneeballschlacht – und nicht immer hält die dünne Eisdecke…
… «Warme Würste» vom Stand – man hätte sie wohl lieber heiss gegessen…
… «Warme Würste» vom Stand – man hätte sie wohl lieber heiss gegessen…
…«Warnung: Eisfläche nicht sicher!» Das ist schon einen genaueren Blick wert
…«Warnung: Eisfläche nicht sicher!» Das ist schon einen genaueren Blick wert

Nach der Kälte das Naturidyll

Wenn der Frühling aufzog, verwandelte sich das Riet wieder in ein Naturidyll mit Fröschen, Libellen und Lurchen. Das Schilf stand mannshoch, pardon, menschhoch, und übermütige Kinder machten sich den Spass, Wespennester auszuräuchern, manchmal mit üblen Folgen.

Das Zolliker Riet: in den warmen Jahreszeiten ein weitläufiges Naturparadies
Das Zolliker Riet: in den warmen Jahreszeiten ein weitläufiges Naturparadies

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs veranlassten die Behörden die berühmte «Anbauschlacht», um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Das Riet wurde trockengelegt und umgepflügt. Wieviele Tonnen Kartoffeln es abwarf, ist nicht überliefert.

Letztlich kaufte die Gemeinde das Land. Sie legte die Senke trocken und füllte sie 1962 mit Bauschutt, um Sportplätze anzulegen.

Aufschüttung um 1962. Im Hintergrund links die Tennisplätze
Aufschüttung um 1962. Im Hintergrund links die Tennisplätze

Als der Kanton Zürich einen «Kataster der belasteten Standorte» erstellte, hegte er beim Riet den Verdacht, es könnten giftige Abfälle im Boden lagern. Darauf deutete auch die Erfahrung hin, die man beim Bau des neuen Garderobegebäudes für die Fussballer im Jahr 2004 gemacht hatte. Bohrungen ergaben damals Schadstoff-Belastungen, die deutlich über den Grenzwerten lagen. Eine Spezialfirma besorgte den Aushub und Abtransport für 330’000 Franken. Beim Bau des Kunstrasenfeldes zeigte sich dann zum Glück, dass keine teure Sanierung nötig war.

Heute treffen sich die eislaufbegeisterten Zollikerinnen und Zolliker auf der nahen Küsnachter Kunsteisbahn KEK, die saniert und am 21. Januar wieder fürs Publikum geöffnet wurde. Von der Zolliker Natureisbahn bleiben immerhin noch die Geschichten – und das leer stehende «Isfäldhüüsli». (rs)

Das Isfäldhüsli
Das «Isfäldhüüsli», wo Maler Hausheer seine Bilder ausstellte (Foto: rs)

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Die heute im Ortsmuseum aufbewahrten Winterbilder sind zwar von Rudolf Hausheer signiert, aber ich zweifle sehr, ob er sie wirklich gemalt hat. Er hatte den Beruf eines Wagenlackierers gelernt und übernahm im Jahre 1896 eine Glasvergolderei in Zollikon, die allerdings kein Auskommen bot. Er übernahm deshalb auch Malerarbeiten. 1898 bezog er im Haus Alte Landstrasse 62 eine neue grosse Werkstatt. Nun widmete er sich neben der Baumalerei seinem eigentlich Beruf, der Neulackierung von Kutschen und später dann von Automobilen. 1905 trat Robert Rieber aus Deutschland ins Geschäft von Hausheer ein. Er war ein tüchtiger Bau- und Dekorationsmaler. Ich vermute, dass Rieber die Winterbilder, vielleicht nach Vorlagen, gemalt hat. Die Bilder erinnern mich sehr an deutsche Karikaturen um 1900. Rieber heiratete eine Tochter von Rudolf Hausheer. Seine zwei Söhne Ernst und Walter Rieber übernahmen 1934 das Geschäft ihres Grossvaters.
Quelle: Gewerbeverein Zollikon (Hrsg.), Das Gewerbe von Zollikon, Zollikon 1946, S. 129).

Vielen Dank für diese höchst informativen Ergänzungen, Herr Baumgartner. Toll, wenn jemand sein grosses Wissen mit der Leserschaft teilt.

Was für ein toller Artikel!! Herzliche Gratulation und vielen Dank. Das wusste ich alles nicht, denn ich bin nicht hier aufgewachsen. So spannend. Schon immer habe ich mich gefragt, was das für ein Haus ist. Nun weiss ich wenigstens den Namen «Isfäldhüüsli». Diese kalten Zeiten vermisse ich schon, denn ich habe auch meine schönen Erinnerungen an ein Eisfeld auf einem Naturweiher. Die «Örgeli» nannten wir übrigens «Schruubedampfer»!

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