Der Vermögensabfluss hat begonnen
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15. April 2026 – Verlust von 3,6 Millionen Franken, Reduktion des Nettovermögens von 108 auf 95 Millionen: bei den Zolliker Finanzen hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Finanzchefin Sylvie Sieger erklärt, wohin das Geld fliesst und wie der Gemeinderat den sozialen Wohnungsbau unterstützt.

INTERVIEW: RENE STAUBLI
Frau Sieger, Anfang Dezember haben Sie die Frage, ob Sie im Gemeinderat ein anderes Ressort übernehmen möchten, gesagt: «Ich warte jetzt einmal die Wahlen ab, schaue, wer in den Gemeinderat kommt, und entscheide das dann nachher.» Haben Sie sich inzwischen entschieden?
Nein, noch nicht. Am 1. Juli werden im Gemeinderat bei der konstituierenden Sitzung die Ressorts verteilt. Bis dahin wird es zwischen den Beteiligten noch Gespräche geben.
Sie haben die Finanzen im Jahr 2018 übernommen; die Gemeinde war damals mit 50 Millionen Franken verschuldet, nachdem man das Schulhaus Oescher und das Alters- und Pflegezentrum Blumenrain gebaut hatte. Sie sagten: «Wir sind eine wandelnde Leiche.» Acht Jahre später war Zollikon schuldenfrei und verfügte bei einem tiefen Steuerfuss von 76 Prozent über ein Nettovermögen von 108 Millionen Franken. Wem gehören die Lorbeeren?
Sicher denjenigen in der Zolliker Bevölkerung, die Jahr für Jahr sehr hohe Steuerbeträge abliefern. Ihnen verdanken wir, dass die Gemeinde finanziell so gut dasteht. Auf der andern Seite ist bei den Investitionen erneut einiges auf der Strecke geblieben – dafür kann man sicher keine Lorbeeren verteilen.
Statt der budgetierten 38 Millionen wurden nur 21 Millionen investiert. Es gab Verzögerungen bei der Sanierung des Schwimmbads Fohrbach, der Schulsportanlage Oescher sowie beim provisorischen Betreuungshaus Rüterwis. Im Dezember sagten Sie: «Manchenorts fehlt es ein bisschen an der sorgfältigen Planung und dem Zusammenspiel von Politik und Verwaltung.» Hat der Gemeinderat dieses Problem inzwischen besser im Griff?

Wir bemühen uns und implementieren in der gesamten Verwaltung ein Finanztool, das die Investitionsrechnung mit Meilensteinen hinterlegt. Einfach ist das nicht, denn Investitionen im öffentlichen Bereich unterliegen anderen Mechanismen als in der Privatwirtschaft. Im öffentlichen Bereich braucht alles mehr Zeit, die Abläufe unterliegen einem strengen gesetzlichen Korsett und sind deshalb komplexer – die von der Verwaltung aufgearbeiteten Geschäfte müssen im zuständigen Organ vorbesprochen werden, das richtige Organ muss einen Kreditantrag sprechen, das Submissionsrecht verlangt nach korrekten Ausschreibungen, der Kreditantrag muss wiederum durch die richtige Behörde freigegeben werden, und am Schluss braucht es in den meisten Fällen eine Kreditabrechnung. Wenn ein Geschäft durch die Gemeindeversammlung bewilligt werden muss, sind die Vorlaufszeiten für Publikation, Behandlung durch die RGPK etc. zudem noch sehr lang. Das neue Tool ermöglicht uns, die administrativen und politischen Schritte besser zu planen. So sollte frühzeitig ersichtlich sein, wenn ein Projekt nicht mehr auf Kurs ist. Aber der Initialaufwand für dieses Tool – die Erfassung aller Projekte – ist sehr aufwändig.
Inzwischen befinden wir uns am Anfang einer Zeitenwende. Das Nettovermögen soll ganz bewusst von heute 95 Millionen Franken auf eine Bandbreite von +40 bis -20 Millionen abgebaut werden. Wohin fliessen diese 55 bis 115 Millionen und in welchem Zeitraum?
Ein grosser Posten ist die laufende Sanierung des Schwimmbads Fohrbach. Das Betreuungshaus Rüterwis und weitere Schulräume sind auch noch nicht gebaut. In der Pipeline stecken überdies noch Hunderte von kleineren Investitionsvorhaben, unter anderem im Strassenbau oder bei Projekten unter dem Titel Energiewende. Das alles führt auch zu höheren Abschreibungen und möglicherweise zu Verlusten in den Jahresrechnungen. Ich gehe davon aus, dass wir die anvisierte Bandbreite in vier bis fünf Jahren erreichen. Dann wird Zollikon allerdings noch nicht fertig gebaut sein. Die Überwachung der Investitionstätigkeit ist ein Prozess, der nie abgeschlossen ist.
Die Grundstückgewinnsteuern lagen mit 22 Millionen Franken erneut 20 Prozent über den Erwartungen. Das zeugt von lebhaften Immobiliengeschäften. Welche Auswirkungen hat das auf den Zolliker Wohnungsmarkt?
Wer sich in Zollikon umschaut, sieht, dass ältere Häuser abgerissen und durch moderne Wohnungen ersetzt werden. Diese «Crèmeschnitten»-Bauten stehen verschiedentlich in der Kritik, aber die Sache hat zwei Seiten: Erbengemeinschaften können dank den Neubauten das Erbe teilen, es entsteht mehr Wohnraum für mehr Leute, die Wohnungen sind ökologischer, altersgerecht und barrierefrei, was wiederum dazu führt, dass ältere Leute länger in ihrer Wohnung bleiben können und keine staatlichen Leistungen beanspruchen. Weil Bauen teuer ist und unsere Wohnlage sehr begehrt, sind die Mieten hoch. Es entsteht ganz klar mehr Druck auf den Mittelstand mit negativen Auswirkungen auf die soziale Durchmischung. Der Gemeinderat bemüht sich jedoch, diesem Druck mit geeigneten Massnahmen zu begegnen.
Sie sprechen die Grundstücke an, welche die Gemeinde den Zolliker Wohnbaugenossenschaften zu günstigen Konditionen im Baurecht überlassen hat. Diese Grundstücke hat der Gemeinderat aus dem Finanzvermögen ins Verwaltungsvermögen überführt. Können Sie erklären, welchen Effekt man damit erzielt?
Mit der Überführung vom Finanz- ins Verwaltungsvermögen hat der Gemeinderat diese Grundstücke dem Markt völlig entzogen. Der für die Baurechtszinsberechnung zugrundeliegende Landpreis ist nun ein klar «sozialverträglicher Landwert», der sehr tief ist und weit unter dem marktüblichen Landwert liegt. Damit sichert der Gemeinderat auf den betroffenen Grundstücken den gemeinnützigen Wohnungsbau auf lange Zeit ab. Diese Massnahme lässt er sich 6 Millionen Franken kosten.
Punktlandung: Die Zolliker Jahresrechnung 2025 schliesst bei einem Gesamtertrag von 207,4 Millionen Franken und einem Gesamtaufwand von 211,0 Millionen mit einem Verlust von 3,6 Millionen ab (die Differenz zwischen dem budgetierten und dem in der Jahresrechnung ausgewiesenen Verlust beträgt 3’525 Franken). Diese «Punktlandung», so die Medienmitteilung, belege die realistische Einschätzung der finanziellen Entwicklung der Gemeinde.
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