Eine Perle im Alltag

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13. Mai 2026 – Unser Run auf die grossen spektakulären Ereignisse ist getrieben vom Wunsch nach Spannung und Abwechslung. Manchmal beschert uns der Alltag aber auch kleine Erlebnisse, die zwar nicht weltbewegend sind, uns aber dennoch zu Herzen gehen.

Geduld und Fürsorglichkeit (Illustration: KI)
Geduld und Fürsorglichkeit (Illustration: KI)

VON BARBARA LUKESCH

Meine Freundin erzählte mir neulich eine kleine Geschichte, die mich sehr berührt hat. Unter der Woche steige sie jeden Morgen um 7.45 Uhr auf ihren Stepper, eine halbe Stunde rennen, dann fühle sie sich fit. Sie mache das schon so viele Jahre, dass es wie Zähneputzen zu ihrer morgendlichen Routine gehöre. Dabei könne sie zum Fenster hinausschauen und beobachten, was in der nahen Umgebung so alles passiere: Leute fahren zur Arbeit; Gartenbauarbeiter fällen einen Baum; eine junge Frau rennt hektisch die Strasse hinunter und schaut immer wieder auf die Uhr: Aha, knapp dran!

Dazu passiere während der Schulwochen jeden Morgen folgendes: Zwischen 8.05 und 8.10 Uhr fahre beim Nachbarhaus ein Kleinbus vor, eine Art Tixi Taxi, der einen Knaben mit einer körperlichen Beeinträchtigung abhole, der sich nur unter grossen Anstrengungen allein fortbewegen könne. Es gebe einige wenige Tage, an denen es besser gehe, dann mache er die wenigen Meter von der Haus- zur Autotür, die sich im hinteren Teil des Busses befindet, selbständig. Unsicher zwar, aber doch erfolgreich. Meine Freundin ergänzte, sie stelle sich dann jeweils vor, dass er vielleicht besonders gut geschlafen habe oder sich auf einen Event in seiner Schule freue, was ihm zusätzliche Energie verleihe.

Der Bus werde immer vom selben jungen Mann gefahren, wechselnde Jeans-, im Winter auch mal eine Felljacke, Dächlikappe, Turnschuhe. Er steige aus, sobald er sehe, dass sich sein junger Klient im Hausflur zeige. Er wirke ausgesprochen freundlich und lege dem Kleinen zur Begrüssung auch mal die Hand auf die Schulter. Der Knabe werde jeweils von seinem Vater begleitet – dass es der Vater sei, reime sie sich zusammen, sie habe noch nie mit ihm gesprochen, ja, ihn nicht einmal aus der Nähe gesehen.

Trotzdem sei sie überzeugt, dass ihre Vermutung stimme. Der Grund liege in seinem Verhalten, das von so wunderbarer Geduld und Fürsorglichkeit zeuge. Tag für Tag stütze er den Knaben auf seinem kurzen Weg zum Auto, ohne ihn zu drängen und damit zu überfordern. Er trage seinen Rucksack, verständige sich mit dem Fahrer – da brauche es offenbar keine grossen Worte, längst sei das Prozedere eingespielt – und helfe seinem Sohn auf die Rückbank des Fahrzeugs. Manchmal müssten die beiden Männer gemeinsam anpacken; dann klappe es aber auf jeden Fall. Winken zum Abschied; der Bus setze sich in Bewegung und der Vater gehe seiner Wege.

Tag für Tag wiederhole sich diese Szene. Manchmal komme der Bus etwas später und sie sei schon leicht beunruhigt. Unnötigerweise, wie sich jeweils herausstelle. Sie möchte einfach diesen Moment am Morgen nicht missen, der sie jedes Mal aufs Neue berühre: Der sorgfältige Umgang dieser beiden Männer mit einem Knaben, der diese Hilfe benötige und sie mit seinem tapferen Schritt ins tägliche Leben beantworte.

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