Faszinierend schon für Menschen im Mittelalter

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Edwin van der Geest: «Es gibt Wanderungen, die man plant. Und es gibt solche, die einen finden. Der Jakobsweg steht seit Jahren auf meiner To do-Liste. Nicht weil ich pilgere. Sondern weil mich Wege interessieren, die wie dieser etwas zu erzählen haben.»

VON EDWIN VAN DER GEEST

Ich starte in Herisau. In den Gassen des alten Dorfkerns ist es noch still. Herisau ist seit 907 schriftlich belegt – das gibt einem kurz zu denken, bevor man die Wanderung beginnt. Der Weg führt durch das Zentrum, vorbei an der reformierten Kirche, wo Pilgerinnen und Pilger traditionell ihren Stempel abholen. Ich schmunzle und lasse das sein. Für mich braucht es keinen Stempel, um diesen Weg zu erkunden.

Dann donnern drei Radpanzer an mir vorbei. Herisau ist auch eine Militärstadt. Ich denke einen Moment an Jan Lukas, der hier vor Jahren zum Fahrer ausgebildet wurde – und daran, wie manchmal der Weg, den andere für einen vorgesehen haben, nicht der eigene ist. Tempi passati. Auch meine eigene Armeezeit ist stark mit diesem Ort verbunden: Hier endete 1988 mein 100-Kilometer-Marsch am Ende der Offiziersschule. Es regnete, und ich konnte danach die Haut in Fetzen von den Füssen ziehen. Umso dankbarer bin ich heute für meine bequemen Trekkingschuhe.

In den Aussenquartieren von Herisau
In den Aussenquartieren von Herisau (Fotos: Edwin van der Geest)

Kurz hinter dem Schwänli-Kreisel zieht der Weg hinunter ins Glatttal, dann gleich wieder hinauf. So ist das hier: Das Appenzeller Mittelland lässt einen nie lange in der Ebene. Hügel folgt auf Hügel, Tobel auf Tobel.

Bauernhaus in blau…etwas ungewohnt
Bauernhaus in blau…etwas ungewohnt

Der erste Aufstieg zum Nieschberg ist zügig, aber gut zu gehen. Das Motörchen surrt zufrieden. Ich grüsse die ersten Geissen am Wegrand. Oben öffnet sich der Blick trotz noch etwas milchigem Himmel: ein weites Panorama hinüber zum Säntismassiv und tief hinein ins Toggenburg. Der Säntis zeigt sich in frischem Weiss – einfach zum Anbeissen schön. Die sanfte Hügellandschaft darunter wirkt dadurch fast schwebend.

Der Dominator des Appenzells
Der Dominator des Appenzells

Von hier führt der Weg gemächlich südwärts. Die Appenzeller Kulturlandschaft zeigt sich von ihrer besten Seite: sorgfältig bewirtschaftete Hänge, dunkelbraune Holzhäuser mit charakteristischen Schindelfassaden, Kühe, die einen anschauen, als würde man sie stören – was man bisweilen auch tut, denn ein paar Höfe quert der Weg direkt.

Nach knapp 90 Minuten erscheint Schwellbrunn in der Ferne. Das Dorf auf dem Höhenrücken ist so malerisch, dass ich unwillkürlich immer wieder stehenbleibe. Kurz darauf mache ich eine Pause am Rand eines Wäldchens, mit bester Aussicht und bestem Licht. Der Himmel wird zunehmend blauer, die Jacke wandert in den Rucksack.

Schwellbrunn – das schmucke Dorf auf dem Bergrücken
Schwellbrunn – das schmucke Dorf auf dem Bergrücken
Über diese Hügelchen zieht sich der Jakobsweg weiter ins Neckertal
Über diese Hügelchen zieht sich der Jakobsweg weiter ins Neckertal

Das Auf und Ab führt nun über den «Sitz» – den höchsten Punkt der Tour, einen Grashügel mit geschlossener Beiz und Skilift – und dann hinunter zur Landscheidi. Rechts das flache Land und der Bodensee, links das Alpsteinmassiv. Es ist einer jener Wege, auf denen man vergisst, auf die Uhr zu schauen. An der Landscheidi wechselt der Weg vom Kanton Appenzell Ausserrhoden in den Kanton St. Gallen – ein stiller Grenzübertritt, markiert durch eine Waldecke, sonst nichts.

Es folgt ein genussvolles Surfen über einen Grasrücken, sanfter Abstieg, schönste Sicht auf das Neckertal und das Toggenburg. Die kleine Wirtschaft im Weiler Chäseren lädt zum Lunch – doch ich will noch etwas weiterlaufen. Was sich bald als Fehler herausstellt.

Chäseren – das Beizlein lasse ich nie mehr aus…
Chäseren – das Beizlein lasse ich nie mehr aus…

In St. Peterzell stossen zwei Jakobswege zusammen: Der Appenzeller Weg, der von Osten aus dem Vorarlberg kommt, trifft hier auf die Hauptroute. Das Dorf hat einen schönen Hohlweg mit typischer Holzarchitektur, ein kleines Restaurant, einen Laden. Nur ist heute zu meiner Enttäuschung alles geschlossen. Ich halte etwas oberhalb des Dorfes bei einer Bank und verpflege mich eher spärlich – Riegel, Wasser, und die Aussicht als Beiwerk.

Picknicksicht auf St. Peterzell
Picknicksicht auf St. Peterzell

Von St. Peterzell sind es noch gut sieben Kilometer nach Wattwil. Der Weg steigt nochmals zünftig an – über Hofstetten, den Reitenberg und zum Scherrer – bevor er entlang einer Reihe von Toggenburger Bauernhöfen nach unten zieht. Neben dem Weg schiessen Buschwindröschen, Krokusse und die ersten Narzissen aus dem Boden. Romantisch, wirklich. Auf dem Scherrer ist auch das Berghotel Churfirsten geschlossen. Tant pis – dann eben weiter nach Wattwil.

Ich liebe Narzissen! Es gibt sie nicht nur in Près d’Orvin am Chasseral
Ich liebe Narzissen! Es gibt sie nicht nur in Près d’Orvin am Chasseral
Es richtigs «Heimetli»…
Es richtigs «Heimetli»…
Kurz Innehalten hoch über Wattwil
Kurz Innehalten hoch über Wattwil

Der Abstieg ist noch lang genug, um den Knien in Erinnerung zu rufen, was sie den ganzen Tag getan haben. Eine Metallleiter führt mich schliesslich die letzten Meter des Wanderweges auf den Talboden hinunter. Rund um den Bahnhof gibt es genügend Auswahl, um Hunger und Durst zu stillen. Ich entscheide mich für einen grossen Döner beim Türken. Sehr fein.

Diese Etappe ist keine Alpintour. Kein Gipfel, kein Klettersteig, keine Ausgesetztheit. Aber sie hat etwas, das viele spektakulärere Touren nicht haben: Stille, Weite, Tiefe. Man wandert durch eine Landschaft, über die seit dem Mittelalter Menschen gegangen sind – nicht nur wegen der Aussicht, sondern wegen dem, was am Ende wartet. Ich weiss noch nicht genau, was das für mich ist. Aber ich werde zurückkommen und weitergehen. Noch dies: wer nicht 24 km weit wandern möchte, kann auch in St. Peterzell aussteigen.

Anreise: Mit dem ÖV via Gossau oder Rapperswil

Anforderung: 23.7 km, 1006 m auf- und 1167 m abwärts, 7 ½ Stunden

RoutePDF von SchweizMobil

Edwin van der Geest

Der Zolliker Edwin van der Geest ist ein begeisterter Wanderer. Er beschreibt regelmässig seine Lieblingstouren, die sich insbesondere für gut trainierte Wandersleute eignen.

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