Glühwürmchen unter den Staatsmännern

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Balz Spörri: «Winston Churchill (1874-1965) war oft gereizt, aufbrausend und hitzig. Doch dieser «Kotzbrocken», wie ihn US-Präsident Franklin D. Roosevelt einmal nannte, war einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts. Als junger Mann nahm er als Soldat (…)

VON BALZ SPÖRRI

Winston Churchill (1874-1965) war oft gereizt, aufbrausend und hitzig. Doch dieser «Kotzbrocken», wie ihn US-Präsident Franklin D. Roosevelt einmal nannte, war einer der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts.

Als junger Mann nahm er als Soldat und zugleich Reporter an mehreren Kolonialkriegen teil, er sass über 60 Jahre im britischen Unterhaus, war unter anderem Rüstungs-, Marine-, Finanz- und Innenminister sowie zweimal Premier. Daneben schrieb er unzählige historische Bücher, für die er 1953 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Seine grössten Verdienste erwarb er im Zweiten Weltkrieg. Am gleichen Tag, an dem er Premierminister wurde, marschierten die deutschen Truppen in Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich ein. Hitler schien unaufhaltsam. Doch Churchill hielt stand. Er schwor seine Landsleute auf einen langen, aber letztlich erfolgreichen Krieg ein («Ich habe nichts zu bieten ausser Blut, Mühsal, Tränen und Schweiss»).

Cover Churchill-Biografie

In ihrer neuen Churchill-Biografie schildert die deutsche Journalistin Franziska Augstein das Leben dieses ebenso schillernden wie umstrittenen Politikers und Feldherrn fasziniert, aber «aus Distanz». Zugleich entsteht dabei ein Panorama der englischen Oberschicht. Churchill war früh von seiner Bedeutung überzeugt. Einer Freundin sagte er einmal: «Wir alle sind Würmer. Aber ich glaube, dass ich ein Glühwürmchen bin.» Das hinderte ihn nicht daran, eine Reihe fataler (militärischer) Fehlentscheide zu treffen und seine Meinung in wichtigen Fragen immer wieder zu ändern.

Als er im Ersten Weltkrieg kurze Zeit in Flandern kämpfte, liess er sich eine Badewanne samt Boiler in sein sicheres Quartier liefern, während die Soldaten in den Schützengräben elend starben. Churchill war Kolonialist und Rassist. 1910 plädierte er dafür, «geistig Minderbemittelte» zu sterilisieren, damit sie nicht die «britische Rasse» verderben würden.

Franziska Augstein beschönigt diese dunklen Seiten nicht, ordnet sie aber in die damalige Zeit ein. Für sie überwiegt Churchills «einzigartige Rolle im Zweiten Weltkrieg» den Rassismus, «den er mit Generationen seiner Zeitgenossen teilte».

Augsteins Biografie liest sich ausgesprochen leicht. Immer wieder flicht sie Details ein, die ein überraschendes Schlaglicht auf die Epoche werfen. Als Churchill zum Beispiel 1931 nach einem Verkehrsunfall in den USA im Spital lag, sammelten Freunde Geld, um ihm zur Aufmunterung eine Limousine zu schenken. Unter den Spendern war Charlie Chaplin.

Über Churchills Leben lag immer auch eine gewisse Tragik. Der Krieg gegen Hitler machte ihn zum weltberühmten Helden. Doch zugleich führte er zum Niedergang dessen, was ihm so teuer war. Die extreme Verschuldung Grossbritanniens leitete den Untergang des Empires ein. Als alter Mann sagte Churchill: «Ich habe viel erreicht – und am Ende war alles nichts.»

Franziska Augstein, Winston Churchill, dtv, 615 Seiten, mit zahlreichen Fotografien, 30 Euro.

Balz Spörri (geb. 1959) lebt als Journalist und Autor in Zürich. Er berichtet in den «ZollikerNews» auch regelmässig aus der «Bunten Welt der Studien».

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