Kein Erbarmen mit den Zolliker Wiedertäufern

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17. Oktober 2023 – Um 1523 war Zollikon Ausgangspunkt einer Revolution: Die Gründung der Wiedertäufer-Bewegung sollte unser Dorf weltberühmt machen. Zwingli rächte sich an den Anführern, sie wurden verfolgt und hingerichtet.

17. Oktober 2023 – Um 1523 war Zollikon Ausgangspunkt einer Revolution: Die Gründung der Wiedertäufer-Bewegung sollte unser Dorf weltberühmt machen. Zwingli rächte sich an den Anführern, sie wurden verfolgt und hingerichtet.

Der Wiedertäufer Felix Manz und ein Glaubensgenosse werden in der Limmat ertränkt
Der Wiedertäufer Felix Manz und ein Glaubensgenosse werden in der Limmat ertränkt

Im Januar 1525 kam es an der Gstadstrasse 23/25 unterhalb des heutigen Dufourplatzes zu einer Zusammenkunft im Haushalt des Rudi Thomann. Es wurden zwei Erwachsene getauft und wenige Tage später weitere 35 – so entstand die erste Gemeinschaft der Wiedertäufer, die sich lieber «Täufer» nannten, denn sie lehnten die Taufe von Kindern ab und argumentierten mit dem Neuen Testament: Auch Jesus sei nicht als Kind, sondern erst als Erwachsener getauft worden.

Über dem Torbogen des Hauses ist folgende Inschrift angebracht: «Der Gedanke des Freikirchentums wurde in Zollikon durch die Täufer-Bewegung erstmals verwirklicht – In diesem Hause fand am 25. Januar 1525 eine der frühesten Versammlungen statt.»

Das Haus Gstadstrasse 23/25 mit der Inschrift über dem Torbogen (Foto: rs)
Das Haus Gstadstrasse 23/25 mit der Inschrift über dem Torbogen (Foto: rs)

Für die Zürcher Kirchenoberen und die Regierung war die Erwachsenen-Taufe ein Frevel und eine Provokation, die sie sich nicht gefallen lassen wollten. Die Taufe hatte gefälligst nach der Geburt stattzufinden, denn mit diesem Akt unterwarf man die Neugeborenen dem Rechtssystem der Stadt. Eltern, die sich weigerten, ihre Kinder zu taufen, verstiessen gegen die geltende Ordnung. Doch der Reihe nach.

Aufgeheizte Stimmung

Der 1519 aus Glarus ans Zürcher Grossmünster berufene Zwingli wetterte in seinen Predigten gegen kirchliche Traditionen wie das Fasten, die Beichte, die Wallfahrerei oder die Heiligenverehrung. Nicht nur in der Stadt, sondern auch in den umliegenden Dörfern fanden seine reformerischen Ideen Anklang. Einige nutzten die Gunst der Stunde für zweifelhafte Protestaktionen gegen die Kirche.

In Zollikon drangen jugendliche Hitzköpfe im September 1523 ins Haus des Sigristen ein, stahlen den Schlüssel zur Kirche und entwendeten dort den hölzernen Esel mit der Christusfigur, der am Palmsonntag jeweils in einer Prozession durchs Dorf getragen wurde. Sie beschwerten Tier und Reiter mit Steinen und versenkten das heilige Werk kurzerhand im See – was für eine Schandtat!

Von den älteren Zollikern taten sich Jakob Hottinger und sein Bruder Klaus, der nach Zürich gezogen war, besonders hervor. Sie pöbelten Zürcher und Zolliker Pfarrherren wegen ihrer traditionell-katholischen Gottesdienste in aller Öffentlichkeit an und forderten Reformen.

Eidgenossen machten kurzen Prozess

Nachdem Klaus am Stadelhofen mit einigen Helfern auf einem öffentlichen Platz ein grosses hölzernes Kruzifix beseitigt hatte, verbannte man ihn für zwei Jahre aus der Stadt. Er gab aber auch im Exil keine Ruhe, sodass man ihn in Baden erneut verhaftete und nach Luzern schaffte, wo ihm die Eidgenossen den Prozess machten. Er wurde am 9. März 1524 enthauptet.  Dass einer der Ihren zum ersten Märtyrer der Reformierten geworden war, stachelte den Widerstand seiner zahlreichen Zolliker und Zürcher Verwandten nur noch mehr an.

Der gefesselte Klaus Hottinger auf seinem letzten Gang in Luzern
Der gefesselte Klaus Hottinger auf seinem letzten Gang in Luzern

In der Folge weigerten sich zahlreiche Zolliker Eltern, ihre Kinder taufen zu lassen. Aufmüpfige Bauern versuchten der katholischen Kirche die wirtschaftliche Grundlage zu entziehen, indem sie dem Grossmünster den Zehnten nicht mehr ablieferten. Dritte drangen erneut in die Zolliker Kirche ein, zerstörten den Altar, stahlen den Taufstein und kratzten Gemälde von den Wänden, die sie anschliessend weisselten – weg mit dem katholischen Prunk!

Die Zolliker waren ihrer Zeit voraus, denn nur einen Monat später beschloss der Rat in Zürich die Entfernung der Bilder aus den Kirchen, jedoch «mit Mass und Ordnung».

Alles über Bord werfen

Ulrich Zwingli

In unserer Region standen sich zwei Parteien immer unversöhnlicher gegenüber. Auf der einen Seite die Gemässigten um Ulrich (Huldrych) Zwingli, der die Reformation behutsam vorantreiben wollte, auf der anderen Seite die Hardliner, angeführt von den Zürchern Konrad Grebel und Felix Manz, die alle Traditionen sofort über Bord werfen und eine Kirche auf einem neuen Fundament schaffen wollten. Grebel und Manz waren Studienfreunde des Reformators gewesen, von dem sie sich nun lossagten.

In Zürich kam es im Rathaus und dem Grossmünster zu drei sogenannten «Täuferdisputationen», bei denen Zwingli vor grossem Publikum mit den Wortführern der Wiedertäufer stritt und sie in die Schranken zu weisen versuchte – vergeblich.

Die Zolliker Behörden bekannten sich zu Zwinglis moderatem Kurs. Damit vertraten sie die Ansicht angesehener Zolliker Familien. Die sozial niedrigeren Schichten der Kleinbauern und Taglöhner hingegen sympathisierten offen mit den Revoluzzern. Zollikon war deshalb der ideale Nährboden für die Wiedertäufer-Bewegung.

Diese orientierte sich strikt am Buchstaben des Neuen Testaments. Die Wiedertäufer lehnten Eid und Kriegsdienst ab, kein Täufer sollte ein Staatsamt bekleiden. Und sie weigerten sich, ihre Kinder taufen zu lassen. Erst als Erwachsener sollte man sich für einen Glauben bewusst entscheiden.

Eine ernsthafte Bedrohung

Die Hälfte der damals rund 90 Zolliker Familien schloss sich den Wiedertäufern an. Ein tiefer Graben zog sich durchs Dorf. Die Bewegung wurde für die Zürcher Obrigkeit zur ernsthaften Bedrohung. Die Regierung verbot die Taufen zuhause, verordnete einen «Taufzwang» für Kinder und wies die Zolliker an, den Altar in der Kirche wieder aufzubauen.

Zwingli erklärte, wer eine Wiedertaufe vornehme, kreuzige Jesus ein zweites Mal. Für ihn waren die Wiedertäufer des Teufels und nichts weiter als eine Sekte, die es mit aller Härte zu verfolgen galt.

Eine Zürcher Delegation mit dem Bürgermeister an der Spitze reiste eigens nach Zollikon, um den Wiedertäufern eine letzte Warnung zukommen zu lassen. Als dies nichts nützte, wurden 25 Zolliker Wiedertäufer verhaftet und vorübergehend eingesperrt, darunter 7 Frauen.

Zolliker demonstrierten in Zürich

Daraufhin zogen unerschrockene Zolliker Wiedertäufer durch die Zürcher Strassen, demonstrierten gegen die Obrigkeit und skandierten: «Weh dir, Zürich, weh und aber weh! Tuend Buess! Die Axt ist gelegt an den Baum.» Der Rat stellte eine Eingreiftruppe zusammen, um notfalls auf dem See mit einer «Interventionsflotille» nach Zollikon fahren zu können. Und er sammelte Informationen über die Rädelsführer, um ihrer habhaft zu werden.

Als dann die Regierung zu einer drakonischen Massnahme griff und die Ertränkung als Strafe für die Erwachsenentaufe verhängte, griff die Angst um sich. Viele Angehörige der Glaubensgemeinschaft flohen. Einige versteckten sich in einer Höhle in Bäretswil im Zürcher Oberland. Die Zolliker Täufergemeinde löste sich im August 1525 auf.

Mit den Revoluzzern kannte man keine Gnade. Nachdem der Anführer Konrad Grebel ins Graubünden geflohen und 1526 an der Pest gestorben und der Zolliker Klaus Hottinger bereits 1524 in Luzern hingerichtet worden war, liessen die Zürcher den zweiten Anführer Felix Manz am 5. Januar 1527 vor einer grossen Menge Schaulustiger in der Limmat ertränken.

Dabei überliessen sie nichts dem Zufall, wie der Wortlaut des Urteils zeigt: «Genannter Felix Manz soll wegen seines aufrührerischen Wesens, seiner Zusammenrottung gegen die Obrigkeit und weil er gegen die christliche Regierung und die bürgerliche Einheit gehandelt hat, dem Nachrichter übergeben werden, der ihm seine Hände binden, ihn in ein Schiff setzen, zu dem unteren Hüttli bringen und auf dem Hüttli die Hände gebunden über den Kopf streifen und einen Knebel zwischen den Armen und Beinen durchstossen und ihn also gebunden in das Wasser werfen soll, um ihn im Wasser sterben und verderben zu lassen, damit er nach Gericht und Recht gebüsst habe.»

Gedenktafel an der Schipfe (Foto: rs)
Gedenktafel an der Schipfe (Foto: rs)

Die Verfolgung der Wiedertäufer breitete sich über ganz Europa aus und hielt bis ins 17. Jahrhundert an. Ruhe kehrte erst ein, als die Französische Revolution die Glaubensfreiheit schützte.

Zolliker Kirche auf dem Cover von «Life»

Die Baptisten, eine Freikirche, die in den USA Millionen Anhänger zählt, sehen ihre Wurzeln bei den Zolliker Wiedertäufern. So kam es, dass die Zolliker Kirche auf der Frontseite der US-Zeitschrift «Life» abgebildet wurde, versehen mit folgender Legende: «The church of Zollikon on the shore of the lake of Zurich (Switzerland): the cradle oft the Baptist Movement» – die Kirche von Zollikon am Ufer des Zürichsees in der Schweiz: die Wiege der Wiedertäufer-Bewegung.

Vom Thema fühlte sich auch der Schweizer Schriftsteller, Dramatiker und Maler Friedrich Dürrenmatt angesprochen. Zu seiner Komödie «Die Wiedertäufer» schuf er ein Ölgemälde mit einem Untertitel in Versform: «Engel und Heilige stoben davon – da setzte sich auf Gottes Thron der Täuferkönig Bockelson».

«Die Wiedertäufer», gemalt von Friedrich Dürrenmatt (1966)
«Die Wiedertäufer», gemalt von Friedrich Dürrenmatt (1966)

Inspirieren liess sich Dürrenmatt durch das bunte Treiben der Wiedertäufer in der Deutschen Stadt Münster. Diese erwarteten zu Ostern 1534 in einer Art rechtsfreiem Raum den Weltuntergang. Sie betrieben Vielweiberei, schafften den Geldverkehr ab und führten die absolute Gütergemeinschaft ein.

Der katholische Bischof belagerte die Stadt monatelang, um dem Spuk ein Ende zu machen. Als die Besetzer schliesslich aufgaben, mussten ihre Anführer, an der Spitze der 26-jährige Schneider Jan Bockelson, schwer büssen. Sie wurden auf dem Marktplatz gefoltert und zur Abschreckung der Bevölkerung in Käfigen an einen Kirchturm gehängt, wo sie elendiglich starben. (rs)

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Wer sich eingehender für das Thema interessiert, kann am Mittwoch, 25. Oktober 2023, von 14 bis 16.30 Uhr an einer Führung mit der Autorin Barbara Hutzl-Ronge teilnehmen, die Einblicke in die damaligen Tumulte und radikalen Entwicklungen vermittelt. Hier gibt es weitere Informationen zur Veranstaltung, die bei der reformierten Kirche im Dorf beginnt und in Zürich beim Täufergedenkstein an der Schipfe endet.

Quellen: Zolliker Jahrhefte 1981 und 2017; «Die Zolliker Dorfkirche» von Wilfried Maurer (2004); «Unser Zollikon» von Albert Heer (1968); Barbara Hutzl-Ronge: «Zürich – Spaziergänge durch 500 Jahre überraschende Stadtgeschichten», at-Verlag, 390 Seiten. Zolliker Jahrhefte kann man unter diesem Link bestellen.

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