Kinder, Social Media und die bequeme Lösung

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18. Mai 2026 – «Jetzt also das grosse Verbot: Social Media für Kinder. Als hätte man das Monster damit erledigt. Als wäre die digitale Welt plötzlich sauber, wenn man den Jüngsten den Zutritt verweigert. Das klingt entschlossen, ist aber oft nur die bequeme Antwort auf ein unbequemes Problem.»

Social Media – freundlich und zerstörerisch zugleich (Illustration: KI)
Social Media – freundlich und zerstörerisch zugleich (Illustration: KI)

VON BIANKA LICHTENBERGER

Jetzt also das grosse Verbot: Social Media für Kinder. Als hätte man das Monster damit erledigt. Als wäre die digitale Welt plötzlich sauber, wenn man den Jüngsten den Zutritt verweigert. Das klingt entschlossen, ist aber oft nur die bequeme Antwort auf ein unbequemes Problem.

Dabei war Social Media einmal als etwas beinahe Freundliches gedacht: als Ort der Verbindung, der Teilhabe, der Sichtbarkeit. Ein Raum, in dem auch die Stillen und Uncoolen eine Stimme haben konnten. In dem und von dem das Lernen im Schulalter angereichert wird. Heute dominieren dort aber weniger Austausch und Lernen als Selbstdarstellung, Dauererregung und ein Strom aus Halbwahrheiten, KI-Fakes und digitalem Lärm.

Genau deshalb überzeugt mich das pauschale Verbot nicht. Nicht, weil Kinder alles dürfen sollen. Sondern weil ein Verbot keine Medienkompetenz ersetzt. Wer Jugendliche schützen will, muss ihnen beibringen, wie man Manipulation erkennt, wie man Quellen prüft und wie man nicht bei jeder zweiten Meldung gleich innerlich mitzittert und sich ausgeschlossen fühlt. Alles andere ist pädagogische Kosmetik.

Denn Kinder verschwinden nicht aus der digitalen Welt, nur weil Erwachsene sie mit einem Verbot vor die Tür stellen. Sie kommen später wieder hinein: meistens ohne Vorbereitung, ohne Werkzeug und mit genau jener Naivität, die man ihnen vorher mit einem Verbot nicht genommen, sondern nur aufgeschoben hat.

Die eigentliche Aufgabe ist also nicht, Kinder aus Social Media fernzuhalten. Sondern ihnen beizubringen, sich darin zu bewegen, ohne sich darin zu verlieren. Das wäre anstrengender als ein Verbot. Aber auch wirksamer. Und vor allem ehrlicher. Denn wer den Algorithmus erziehen will, sollte vorher damit anfangen, den Menschen zu stärken.

Bianka Lichtenberger hat Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert. Als ausgebildete Wirtschaftsjournalistin hat sie für das «Handelsblatt», die «Wirtschaftswoche», das «Manager Magazin» und den «Spiegel» geschrieben. Sie bekleidete anschliessend Führungspositionen im Bereich globale Organisationsentwicklung bei Alusuisse-Lonza, Schindler, ABB und ist Professorin der Fachhochschule Graubünden. Sie sagt: «Wir leben in einer Welt, die uns je länger je mehr herausfordert.» In ihrer Kolumne wird sie sich solchen Brennpunkt-Themen widmen.

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