Lebendige Nachbarschaft

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26. Oktober 2026 – «Letzte Woche stand ich mit meiner Einkaufstasche vor der Haustür und konnte den Schlüssel nicht finden. Die Nachbarin von gegenüber, die ich bisher nur vom Sehen kannte, kam vorbei, blieb stehen, half beim Durchwühlen der Tasche und bot mir danach spontan einen Kaffee an.»

Kleiner Schwatz unter Nachbarinnen
Verbindend: kleiner Schwatz unter Nachbarinnen (Foto: KI-generiert)

VON BIANKA LICHTENBERGER

Letzte Woche stand ich mit meiner Einkaufstasche vor der Haustür und konnte den Schlüssel nicht finden. Die Nachbarin von gegenüber, die ich bisher nur vom Sehen kannte, kam vorbei, blieb stehen, half beim Durchwühlen der Tasche und bot mir danach spontan einen Kaffee an. In 20 Minuten erfuhr ich mehr über das Haus, die Hausordnung und drei weitere Nachbarn als in den letzten zwei Jahren.

Genau diese Zufälligkeit und Spontaneität machen eine lebendige Nachbarschaft aus. Gleichzeitig sind derart ungeregelte Beziehungen aber auch flüchtig und gehen leicht wieder verloren. Man sollte ihnen Sorge tragen.

Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung gibt an, sich zumindest manchmal einsam zu fühlen, ein Anteil, der sich seit 2007 deutlich erhöht hat. In dieser Zeit ist die klassische Vereinsmitgliedschaft von 80 Prozent auf 65 Prozent gesunken, während die informelle Freiwilligenarbeit stabil geblieben ist oder sogar leicht zugenommen hat. Kinder hüten, beim Umzug helfen, einkaufen, den Rasenmäher ausleihen: wir ziehen uns nicht aus der Gemeinschaft zurück, scheuen aber feste Verbindlichkeiten, wie sie eine Vereinsmitgliedschaft mit sich bringt.

Das trifft besonders die klassischen Institutionen: Musikvereinen fehlen die Aktuare, der Freiwilligen Feuerwehr die Helfer, dem Quartierfest die Organisatoren. Die Individualisierung, die uns so viel Freiheit gebracht hat, hat ihren Preis: die Bereitschaft, sich für Jahre an eine Gruppe zu binden, nimmt ab. Man engagiert sich lieber projektbezogen, kurzfristig, nach Lust und Laune unter dem Motto: «Ich helfe gerne mal an der Tauschbörse aus und jäte auch mal im Gemeinschaftsgarten, aber bitte verschont mich mit der alljährlichen Vereinsversammlung.»

50 Vereine wie in Zollikon sind nach wie vor wertvoll und wichtig, sie ersetzen aber keine Bank auf dem Dorfplatz, auf der man spontan sitzen bleibt und ins Gespräch kommt – ohne Mitgliedschaft, ohne Traktandenliste, motiviert einzig von dem Wunsch, mit jemandem ein paar freundliche Worte zu wechseln.

Wieviel Gemeinschaft lässt sich überhaupt planen und organisieren? Quartierfeste, Vereine, Bibliotheken und Sportanlagen sind im weitesten Sinne Gefässe, die man bauen, finanzieren, organisieren und bewerben kann. Aber dass dort echte Nähe entsteht, ist keineswegs garantiert. Die ergibt sich viel eher im Treppenhaus, an der Bushaltestelle und auf der Parkbank.

Man kann Orte schaffen, an denen Begegnungen ermöglicht werden. Man kann solche Begegnungen aber nicht verordnen. Genau deshalb sind Gemeinden mit Bänken, Begegnungszonen und Fusswegen, auf denen man langsam unterwegs ist, oft lebendiger als jene mit dem grössten Vereinsangebot, weil sie den Zufall einer spontanen Begegnung ermöglichen, ja regelrecht dazu einladen.»

Bianka Lichtenberger hat Wirtschaftswissenschaften und Soziologie studiert. Als ausgebildete Wirtschaftsjournalistin hat sie für das «Handelsblatt», die «Wirtschaftswoche», das «Manager Magazin» und den «Spiegel» geschrieben. Sie bekleidete anschliessend Führungspositionen im Bereich globale Organisationsentwicklung bei Alusuisse-Lonza, Schindler, ABB und ist Professorin der Fachhochschule Graubünden. Sie sagt: «Wir leben in einer Welt, die uns je länger je mehr herausfordert.» In ihrer Kolumne wird sie sich solchen Brennpunkt-Themen widmen.

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