Ein Narzissenmeer am Chasseral

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Edwin van der Geest: «Der Jura hat bei mir einen schweren Stand gegen die Alpen. Doch die Tour, die von Biel über den Chasseral nach St. Imier führt, bietet grosses Kino: Millionen von Narzissen und Krokussen und eine spektakuläre Schlucht zum Dessert.»

VON EDWIN VAN DER GEEST

Das Regionalzüglein von Biel nach La-Chaux-de-Fonds hält in Frinvillier, einem unscheinbaren Nest in der engen Klus oberhalb von Biel. Hier beginnt die 7. Etappe des Jura-Höhenwanderwegs (Chemin des Crètes), die über einen langen Gebirgszug zum höchsten Punkt des Berner Juras führt. Die Höhe muss ich mir aber zuerst verdienen. Zwischen zwei Felsen hindurch zweigt der Pfad von der Strasse ab und führt sofort steil nach oben. Der Weg folgt im gleichmässigen Zickzack einer felsigen Gratkante, die immer wieder schöne Tiefblicke in die Klus erlaubt.

01-ein-schöner-Gratweg (Fotos: Edwin van der Geest)
Ein schöner Gratweg (Fotos: Edwin van der Geest)

Der Wald riecht nach Frühling, Vögel zwitschern um die Wette. Nach einer knappen Stunde und rund 500 Höhenmetern Steigung flacht der Berg erstmals etwas ab, der Wald weicht bewirtschafteten Alpweiden.

Die Route führt nun eine Weile der flacheren, nach Frankreich gerichteten Seite der Kette entlang. Der durch Millionen Jahre Erosion abgerundete Berg bietet viel Platz für Weiden und abgelegene Bauernhöfe. Bei La Ragie reitet ein kleines Bauernmädchen sein Pferd aus, der Vater werkelt an Maschinen herum – ein friedliches Bild. Aus weiter Ferne dröhnen dumpf die Maschinen eines Kieswerks, das Jura-Gestein muss für vieles herhalten.

Stilleben im Jura
Stilleben im Jura

Der Pfad führt nun zurück zur Krete und damit zur Südseite – bei Pré Carrel auf knapp über 1300 Metern breitet sich plötzlich gefühlte 70 Prozent der Schweiz vor mir aus. Vom Säntis bis zum Mont Blanc die Alpen, darunter das ganze Mittelland.

Und damit nicht genug – die Weiden platzen vor Narzissen, zu Millionen werden sie mich in der nächsten Stunde begleiten. Knorrige Bäume säumen den Weg und zeugen vom heftigen Wind, der hier oft bläst.

Narzissen-wohin-das-Auge-reicht
Narzissen, wohin das Auge reicht
Kann ein Bänklein schöner liegen inmitten von Blumen mit Sicht auf die Berner Majestäten?
Kann ein Bänklein schöner liegen inmitten von Blumen mit Sicht auf die Berner Majestäten?

Wenig später erspähe ich erstmals den mächtigen Turm auf dem Chasseral, der allerdings noch weit entfernt ist. Beim leider noch geschlossenen Jurahaus der SAC pausiere ich – und rationiere meine zu knapp bemessenen Wasserreserven. Bäche gibt es auf Gratwanderungen nicht.

Cape Canaveral in Sicht
«Cape Canaveral» in Sicht

Wahres Genusslaufen

Die nächsten zwei Stunden sind wahres Genusslaufen; wenig Anstrengung, volle Aussicht. Ich komme zu einem Passsträsschen. Der Parkplatz ist voll, darum herum bereiten Familien ihr Picknick vor, die Kinder klettern in den Bäumen und spielen auf den beblumten Wiesen.

Schon wenige Hundert Meter weiter herrscht wieder totale Ruhe. Noch fehlen rund 300 Höhenmeter zum Chasseral. Ich passiere die ersten Altschneereste, nun erfreuen unzählige Krokusse das Auge. Das letzte Teilstück ist komplett baumfrei, eindrücklich die Sicht auf die drei Seen und das Seeland.

Seeland und Seen – das geübte Auge sieht den Mont Blanc
Seeland und Seen – das geübte Auge sieht den Mont Blanc

Mit dem Turm, der aus der Nähe einer Raketenstartrampe gleicht, kommt die Zivilisation zurück. Eine Tafel warnt die Besucher, die nun in dichten Reihen auftauchen, vor herunterfallenden Eis- und Metallstücken (!).

Ohne Worte
Achtung: Herabstürzende Eisstücke und Metallteile!

Über ein asphaltiertes Strässchen erreiche ich wenig später das etwas heruntergekommene Hotel de Chasseral (Parkplatz), wo ich meinen grossen Durst stillen kann. Von hier würde ein Bus nach St. Imier oder nach La Neuveville fahren, aber eben erst ab übermorgen…

So steige ich über die Nordseite ab und lasse den Trubel gleich wieder hinter mir. Der Weg nach St. Imier führt zunächst durch offenes, dann durch zunehmend bewaldetes Gelände zum Einstieg in die Combe Grède.

Typische Jurafelsen in der Combe Grède
Typische Jurafelsen in der Combe Grède

Ein schön angelegter Pfad, an vielen Stellen mit Eisenketten gesichert, führt hinunter in die steile, wilde Schlucht. Die Schlüsselstellen in den Felsen werden mit Leitern und Passarellen überwunden.

Hilfreiche Leitern
Hilfreiche Leitern…
…und Passarellen
…und Passarellen

Erst viele Hundert Meter weiter unten flacht das Gelände ab. Im Hochsommer liesse es sich hier angenehm schattig-kühl auf den Chasseral steigen.

Dann werden die ersten Häuser von Villeret bei St. Imier sichtbar, von wo aus mich das Züglein nach dieser höchst abwechslungsreichen Tour wieder nach Biel zurückbringt. Jura – ich komme wieder.

N.B. Im Hochsommer würde ich in St. Imier beginnen und beim Jurahaus (Pt. 1322) südlich absteigen nach Plans Dessous (1000 M. ü. M., Bus nach Biel). Die Tour verkürzt sich dadurch um ca. 2 Std.

Anreise: Mit dem ÖV von Zürich nach Biel, von dort den Regionalzug Richtung La Chaux-de-Fonds bis Frinvillier nehmen. Von St. Imier mit dem Zug via Biel nach Zürich.

Anforderung: 23,86 km, 1405 m aufwärts, 1193 m abwärts, 8 Stunden.

Route: PDF von SchweizMobil

Edwin van der Geest

Der Zolliker Edwin van der Geest ist ein begeisterter Wanderer. Er beschreibt in dieser Kolumne jeden Monat eine seiner Lieblingstouren.

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