«Resilienz heisst, immer wieder aufstehen»

0 KOMMENTARE

27. Oktober 2026 – Diese Woche hält der Neurologe Jürg Kesselring in Zumikon einen Vortrag* zu Resilienz. Damit ist die Fähigkeit gemeint, aus eigener Kraft immer wieder Krisen meistern, ja, sogar an ihnen wachsen zu können. Im Interview erläutert er diese Gabe, die wir alle in uns tragen.

Jürg Kesslering in seiner Wohnung in Bad Ragaz (Foto: ZN)
Jürg Kesslering in seiner Wohnung in Bad Ragaz (Foto: ZN)

INTERVIEW: BARBARA LUKESCH

Herr Kesselring, der Begriff Resilienz ist in aller Munde. Was Resilienz genau ist, wissen trotzdem die wenigsten. Wie würden Sie es erklären?

Resilienz ist ursprünglich ein Begriff aus der Baustatik. Nehmen Sie den Bau einer Brücke: wenn man einfach Beton an den Rand eines Tals karrt, würde der wie jede tote Materie wegen der Schwerkraft dem Erdmittelpunkt entgegenfallen. Daher braucht es Verstrebungen und Pfeiler, also aufbauende Kräfte, dank denen man den Brückenbogen spannen und so befestigen kann, dass das Bauwerk hält.

Wie übertragen Sie diese Erkenntnisse auf den Menschen?

Ich bin ja Neurologe, beschäftige mich also mit unseren Hirnfunktionen und bin überzeugt, dass wir Menschen alle solche aufbauenden oder eben resilienten Kräfte in uns haben, die wir – ganz wichtig – auch nutzen sollten. Use it or lose it! Wissenschaftlich korrekt spricht man von Neuroplastizität, einer Art Elastizität des Hirns, dank der immer wieder neue Verbindungen, sogenannte Synapsen, gebildet werden.

Resilienz wird ja auch häufig mit dem Bild eines biegsamen Weidenzweigs illustriert, der sich bei einem Sturm zwar tief hinunterbeugt, aber selbst dann nicht bricht und sich anschliessend wieder aufrichtet.

Das ist ein sehr schöner Vergleich, der das Federnde der Resilienzkraft gut zum Ausdruck bringt. Dazu zeigt er auch, dass wohl alle Menschen manchmal unten durchmüssen, sich dank Resilienz aber wieder aufrichten können. Ich glaube sogar, dass viele der Betroffenen eine überstandene Krise im Nachhinein als positiv betrachten, als Herausforderung, deren Bewältigung sie stärker gemacht hat.  

Schildern Sie uns doch noch weitere Merkmale von resilienten Menschen!

Ich habe Tausende von Patienten und Patientinnen erlebt, die nach Hirnschlägen gelähmt waren oder unter einer Sprachstörung, der Aphasie, litten. Da stellte sich jedes Mal die Frage, wie es gelingt, deren Resilienzkräfte zu nutzen, um ihnen trotz ihrer Einschränkungen wieder ein besseres, auch freieres Leben zu ermöglichen. Auf diesem Weg habe ich erfahren, dass resiliente Menschen über ein gesundes Selbstvertrauen verfügen: sie glauben daran, dass sie aus sich selber heraus etwas zur Linderung beitragen können. Nicht sie ganz allein, sondern mit der Hilfe von Therapeutinnen, Freunden, Nachbarinnen oder Eltern. Das heisst, sie lassen sich helfen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Dazu verfügen sie über Ausdauer und Geduld und sind bereit, sich anzustrengen, ja, auch einmal zu quälen, um weiterzukommen.

Wie würde sich denn der weniger resiliente Mensch verhalten?

Der möchte zwar gern sein schlechtes Gedächtnis verbessern, verwirft aber auf der Stelle alle meine Vorschläge, die dazu beitragen könnten: Wieder mal ein Gedicht auswendig lernen? – «Konnte ich noch nie!» – Dann lernen Sie ein Lied und singen das! – «Um Gottes willen! Singen kann ich überhaupt nicht!» Ausreden über Ausreden und zuletzt die Bitte: «Herr Doktor, haben Sie nicht eine Tablette, die mir weiterhilft?» Habe ich nicht und wird es auch nie geben. Wer beispielsweise Französisch lernen will, muss Wörter und Grammatik büffeln; anders geht es nicht.

Gibt es andere Fallstricke, in denen sich der weniger resiliente Mensch verheddert?

Vielen fehlt eine realistische Orientierung. Sie sind zwar motiviert und wollen Tennis spielen lernen, verkennen aber die Realität, wenn sie von sich verlangen, wie Roger Federer zu spielen. Das geht definitiv schief. Oder nehmen Sie mich: Ich spiele ziemlich gut Cello. Wenn ich jetzt nur Kinderlieder begleiten dürfte, würde ich mich langweilen. Wenn ich aber eine Prokofjew-Sonate vor Publikum aufführen müsste, würde ich wahrscheinlich vor Angst sterben. Zwischen diesen beiden Extremen Langeweile und Angst hat der amerikanische Psychologie-Professor Mihaly Csikszentmihalyi das angesiedelt, was er den «Flow-Channel» nennt. Dieser Kanal bezeichnet den Bereich, in dem meine Fähigkeiten mit den Herausforderungen in Einklang stehen; ich fühle mich wohl, weil ich weder über- noch unterfordert bin. Das Wesentliche: dank Training und Üben, unterstützt von meinen Lehrern, kann ich meine Fähigkeiten verbessern und nach und nach auch grössere Herausforderungen annehmen. Vielleicht misslingt mir auf diesem Weg das eine oder andere; aber das gehört zum Leben und jedem Lernprozess dazu. Entscheidend ist: Mein Flow-Kanal wird breiter.

Was hindert Menschen daran, solche aufbauenden, eben resilienten Kräfte zu entwickeln?

Wenn man mir ein Leben lang eintrichtert, dass ich dumm und wertlos sei und es sowieso zu nichts bringe, werden mich Minderwertigkeitsgefühle an der Entwicklung meines Potenzials hindern. Auch wer sich in der jetzigen Weltlage nur noch am Negativen orientiert und von Untergangsszenarien umgeben ist, wird Mühe haben, Resilienz aufzubauen.

Glauben Sie, dass Resilienz in der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation besonders wichtig ist, um nicht zu verzweifeln?

Davon bin ich überzeugt. Die Berechtigung zu dieser Aussage leite ich von meinen Erfahrungen mit zahllosen Patientinnen und Patienten ab, die mit schrecklichen Krankheiten oder Unfallfolgen zu kämpfen haben und dank ihrer Resilienz trotzdem Verbesserungen ihres Alltags hinbekommen haben. Ich würde aber auch sagen, dass Resilienzkräfte immer wichtig sind. Nehmen Sie die kleinen Kinder, die ich für wunderbare Lehrmeister in Sachen Resilienz halte. Dutzende Male fallen sie hin und Dutzende Male stehen sie wieder auf, bis sie nur die kleinsten Schritte machen können. Das ist wahre Resilienz.

Wichtig ist offenbar auch, dass Kinder dazu ermuntert werden, Erfahrungen zu machen statt sie von allen vermeintlichen Gefahren fernzuhalten.

Unbedingt. Wobei man sorgfältig abwägen muss, was man einem fünfjährigen Mädchen zumuten kann, ohne es zu überfordern. Wenn man der Kleinen einbläut, dass sie verantwortlich dafür ist, dass der Esszimmertisch jeden Tag sauber abgeräumt ist, ist das unter Umständen zu viel. Andererseits bin ich, altmodisch und konservativ, überzeugt davon, dass es nicht genügt, wenn unsere Kinder nur noch Erfahrungen auf dem Handybildschirm machen. Es fehlen sensorische Reize, alles ist flach, aus Plastik und bietet letztlich immer wieder das Gleiche. Es ermöglicht auf jeden Fall keine echten Erfahrungen, verlangt keine Übernahme von Verantwortung. Kurz: es fehlen die Voraussetzungen, um Resilienzkräfte zu entwickeln.

Welchen Stellenwert hat Resilienz im Alter?

Ich stelle fest, dass viele Menschen im Alter zu Resignation neigen oder sich voll und ganz dem Konsum verschreiben. Ein Ausflug hier, ein Restaurantbesuch dort, feines Essen, guter Wein, Oper, Theater, Kino, Netflix, dazu natürlich Reisen. Früher war ihr Leben bestimmt vom Takt, den der Beruf vorgegeben hat. Das war sicher auch nicht immer angenehm, aber es macht einen grossen Unterschied, wenn einem ein solcher Takt im Alltag fehlt und man ihn selber aus sich heraus generieren muss.

… was der resiliente Mensch besser kann?

Genau. Er traut sich viel eher zu, auch im Alter noch eine Betätigung zu finden, die ihn fordert und befriedigt. Ihm ist bewusst, dass er auch in dieser Lebensphase noch gewisse Challenges braucht, um nicht zu resignieren.

Sie sind 75 Jahre alt. Welchen Herausforderungen setzen Sie sich noch aus?

Ich darf beispielsweise immer wieder Vorträge halten, was ich gern als Herausforderung annehme. Wobei es dabei entscheidend auf meine Einstellung ankommt. Wenn ich jetzt nach Zumikon fahre und denke, was soll das Ganze? Was ich erzähle, interessiert doch sowieso niemanden, und  verstehen wird es auch fast keiner – dann raube ich mir selber die Motivation und Freude. Ganz anders, wenn ich dieses Engagement als Privileg betrachte, das mir den Kontakt zu neuen Leuten ermöglicht und erlaubt, Botschaften, die ich für wertvoll halte, einem interessierten Publikum zu unterbreiten.

Von dem französischen Schriftsteller Albert Camus gibt es den beeindruckenden Satz: «Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.» Das klingt nach Resilienz.

Das ist Resilienz und verbreitet Hoffnung. Wunderbar finde ich auch den Ausspruch von Martin Luther: «Wenn die Welt morgen untergehen würde, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.»

Lässt sich Resilienz auch noch mit 70 Jahren entwickeln?

Unbedingt. Unser Hirn verfügt – wie gesagt – über grosse Plastizität und bildet bis ins hohe Alter neue Synapsen. Man muss sie allerdings nutzen; sonst bilden sie sich wieder zurück.

Jürg Kesselring wurde 1951 in St. Gallen geboren. Der Neurologe war von 1988 bis 2017 Chefarzt für Neurologie und Rehabilitation am Rehabilitationszentrum Valens und seit 1996 Professor für klinische Neurologie und Neurorehabilitation an der Universität Bern. Er gehörte viele Jahre dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz an. Heute ist er Präsident der Schweizer Hirnliga. Kesselring ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bad Ragaz.

* Donnerstag, 29. Oktober, von 14.30 bis 17 Uhr im Gemeinschaftszentrum Zumikon am Dorfplatz. Hier geht es zur Anmeldung.

 ………………..

Wenn Sie unseren wöchentlichen Gratis-Newsletter erhalten möchten, können Sie sich gerne hier anmelden. Sie können diesen Artikel auch in Ihrem Netzwerk teilen:

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

3 × zwei =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht