«Stress-Symptome haben extrem zugenommen»

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30. März 2022 – Franz Pomsar praktiziert seit 20 Jahren als Zahnarzt in Zollikon. Der 60-Jährige erlebt täglich, wie sich der wachsende Stress auf seine Patienten und deren Zähne auswirkt. Zunehmendes Zähneknirschen ist eines der stärksten Symptome.

Zahnarzt Franz Pomsar
Dorfzahnarzt Franz Pomsar in seiner Praxis (Fotos: bl)

INTERVIEW: BARBARA LUKESCH

Herr Pomsar, einem Zahnarzt öffnen sich von der ersten Minute an wildfremde Menschen. Mit sperrangelweit offenem Mund liegen sie unter Ihnen. Was sehen Sie da alles?

Zunächst einmal begrüsse ich die Leute natürlich und bespreche mit ihnen ihr Anliegen. Liegen sie dann auf dem Stuhl, sehe ich die Aufgabe, die auf mich wartet; das Problem, das ich lösen muss. Mehr nicht.

Nie irgendwelche Überraschungen?

In Zollikon erlebt man nicht so wahnsinnige Überraschungen. Aber wenn der Kanton Zürich das Durchgangsheim für Asylsuchende bei uns betreibt, was ja aktuell der Fall ist, sehe ich dann schon andere Sachen.

Das heisst?

Zähne, die dringend geflickt werden müssten. Zahnlücken oder mindestens abgebrochene Zähne. Zahngesundheit hat etwas mit Bildung und Geld zu tun. Anspruchsvolle Zahnmedizin kann ich nur machen, wo die Leute genügend Geld haben, um ihre Zähne reparieren oder ersetzen zu lassen. Nur schon wenn ich französisches Fernsehen schaue, staune ich jedes Mal, wie viele Leute im Publikum einer TV-Show eine Zahnlücke haben. Das wäre in der Schweiz undenkbar, obwohl man mit einer Zahnlücke ja wunderbar durchs Leben kommt. Aber uns irritiert der Anblick eines Menschen, dem ein ganzer Zahn fehlt. Da haben wir schnell den Eindruck, einen sozial Randständigen vor uns zu haben. So denkt die Schweiz mit ihrem Wohlstand.

Auch in der Schweiz gibt es nicht nur Wohlstand. Wie gross sind die Unterschiede zwischen ärmeren Gemeinden und Ihrer Zolliker Kundschaft?

Dazwischen liegen Welten. Das fängt schon damit an, dass ich einem Patienten locker mitteilen kann, dass die Krone, die ich bei ihm machen muss, 1500 Franken kostet. Da ist kein detaillierter schriftlicher Kostenvoranschlag nötig. Ein Kollege aus Regensdorf erzählte mir neulich, dass bei ihm inzwischen fast jeder fünfte Patient mit einem Formular des Sozialamts kommt, das ihn zwingt, einen Kostenvoranschlag einzureichen. Dies erhöht den administrativen Mehraufwand.

Sie bezeichnen sich gern als Dorfzahnarzt. Was verstehen Sie darunter?

Dass mir das Wohl und die beste Versorgung meiner Patienten in jedem Fall wichtiger sind als mein Einkommen. Das ist auch ein ethischer Entscheid.

Das müssen Sie mir erklären!

Ich schildere Ihnen ein Beispiel. Es gibt im Internet einen Thai-Chat, einen Osteuropa-Chat und einen Kosovo-Chat, in denen verbreitet wird: «Pomsar, günstiger Zahnarzt in Zollikon». Nun fragte neulich ein Albaner nach mir, der starke Zahnschmerzen hatte und sich einen Zahn ziehen lassen wollte. Es war Donnerstag und ich im Altersheim unterwegs. In einer anderen Praxis sagte man ihm, dass die Behandlung 650 Franken kosten würde. Das sprengte seine finanziellen Möglichkeiten, und so meldete er sich am nächsten Tag nochmals bei mir. Ich konnte ihm helfen – und zwar für 140 Franken. Untersuchung, Röntgen, Anästhesie, Zahnziehen, Kontrolle, alles inbegriffen.

Warum machen Sie das?

Das hat sicher mit Erziehung , sozialem Denken und einem genügsamen Lebensstil zu tun. Das macht es mir leichter, mich so zu verhalten.

Wie intim sind die Begegnungen eines Zahnarztes mit seinen Patienten?

Die sind auf den ersten Blick natürlich sehr intim. Schliesslich ist der Mund neben den primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen das empfindsamste Organ. Dessen ungeachtet mache ich nichts anderes als meine Arbeit. Der Patient hingegen wird mit einem sehr intimen Gefühl konfrontiert: seiner Angst und der bangen Frage, was sein Zahnarzt da wohl in seinem Mund anstellen wird, ohne dass er es sieht.

Das kenne ich gut. Vor grossen Eingriffen muss mir mein Zahnarzt jeweils ein starkes Beruhigungsmittel verschreiben, damit ich mich überhaupt auf den Stuhl lege. Wie gehen Sie in solchen Situationen vor?

Reden hilft, erklären, was ich mache. Schritt für Schritt: Jetzt kommt Luft, jetzt ein Stichli, jetzt wird’s lärmig. So stelle ich die Leute auf das Kommende ein. Für Leute mit extremer Angst habe ich Valium zur Hand. Zu meiner Freude haben mir schon einige Patienten gesagt, dass sie bei mir ihre Angst verloren hätten. Abgesehen davon kommen immer weniger Leute mit grosser Angst in die Praxis.

Früher war es schlimmer?

Ja, viel. Früher herrschte aber auch die Lehrmeinung vor, dass man Kinder, bei denen das Nervensystem noch nicht voll entwickelt ist, ohne Spritze behandeln kann.

Genauso war das bei mir.

Heute weiss man, dass Kinder den Schmerz viel stärker memorieren. Er brennt sich ihnen also regelrecht ein. Um so wichtiger ist es, ihnen alles ganz genau zu erklären. In der Regel beschränkt sich meine erste Sitzung mit einem Kind darauf, mit ihm zu reden und ihm im Spiegel zu zeigen, was ich machen werde.

Was schädigt die Zähne am meisten?

Seitdem die Energydrinks auf dem Markt sind, habe ich deutlich mehr Arbeit. Zum Einen, weil sie sehr süss sind, zum Anderen, weil die Leute sie nicht nur zu den Mahlzeiten trinken, sondern auch zwischendurch. Ich sehe morgens jeweils einen jungen Mann an der Bushaltestelle mit einem solchen Getränk und einer Zigarette in der Hand. Wenn er aussteigt, geht er als Erstes in eine Bäckerei und holt sich das nächste. Tag für Tag. Ich frage mich oft, ob ich nicht doch mal etwas zu ihm sagen sollte. Aber ich bin ja auch nicht der Polizist der ganzen Welt.

Zucker ist also das Schlimmste für die Zähne?

Zucker, aber zunehmend auch Säure, von der wir immer mehr zu uns nehmen. Zähne bestehen fast nur aus Kalk, und Säure entkalkt. Im Grunde ernähren wir uns für unsere Zähne «zu gesund»: zu viele Früchte, zu viel Vitamin C, zu viel Essig in der Salatsauce. Auch ich esse morgens ein paar Kiwis und trinke ein Glas Orangensaft. Der Säure, die darin enthalten ist, kann ich nur begegnen, indem ich anschliessend die Zähne spüle und sie erst eine Stunde später putze.

Hinter uns liegt die Corona-Pandemie. Wie haben Sie die vergangenen zwei Jahre erlebt?

Trotz siebenwöchigem Lockdown, während dem ich höchstens ein bis zwei Notfallpatienten pro Tag behandelte, bin ich mit einem blauen Auge davongekommen. Im letzten Jahr sind viele Patienten zu mir gekommen, die sich eine grosse Zahnsanierung leisten konnten, nachdem sie während der Pandemie auf Ferien und Restaurantbesuche verzichtet hatten. Da habe ich meine Ausfälle kompensieren können.

Dazu sind Sie als Zahnarzt dem Virus bis heute stark ausgesetzt. Omikron ist ja deutlich ansteckender als bisherige Virustypen.

Davor habe ich null Angst. Wir sind bei uns in der Praxis alle dreimal geimpft, dazu ist alles sterilisiert. Wir gehen jeden Morgen eine 16-teilige Checkliste durch, die erst erledigt ist, wenn wir alle 16 Häkchen gesetzt haben. Seitens der Patienten haben wir mehr Angst gespürt. Da haben einzelne schon mal auf die Jahreskontrolle verzichtet.

Corona hat uns alle mit einem Phänomen konfrontiert, das wir für überwunden glaubten: eine lebensbedrohende Seuche. Und jetzt auch noch ein Krieg in Europa, der sogar uns wohlbehüteten Schweizern unter die Haut geht. All das führt zu Stress. Wie stark wirken sich diese Belastungen auf die Zähne der Menschen aus?

Extrem. Im letzten Jahr gab es eine deutliche Zunahme von Stress-Symptomen. Füllungsbrüche, Zahnbrüche, gesteigerte Zahnbeweglichkeit, immer mehr Schmerzen in den Kiefermuskeln.

Wie kommt es zu einem Füllungs- oder gar einem Zahnbruch?

Gespaltener Zahn
Gebrochener Zahn

Der Volksmund kennt ja Redewendungen wie «sich durchbeissen» oder «die Zähne zusammenbeissen», was bedeutet, dass man sich in schwierigen Lebenslagen zusammenreissen muss und kein Weichei sein darf. Nun ist es aber so, dass wir in Stress-Situationen tatsächlich damit anfangen, unbewusst die Zähne zusammenzupressen. So kommt es zum Zähneknirschen, aber auch zu einem so grossen Druck, dass im schlimmsten Fall ein Zahn oder mehrere brechen können. Normalerweise pressen wir unsere Zähne beim Essen und Reden täglich knapp 20 Minuten zusammen; wenn wir angespannt sind, kann das stunden-, ja tagelang andauern. Und das Schlimmste? Bis zum Auftreten erster Symptome nehmen wir es nicht einmal wahr, weil es unbewusst passiert.

Schilden Sie mir doch einen konkreten Fall!

Ich behandle regelmässig Frauen aus Thailand. Wegen der Pandemie konnten sie knapp zwei Jahre nicht nach Hause, litten unter Heimweh und machten sich Sorgen um ihre Angehörigen. Dazu haben viele oft nicht die angenehmsten Jobs – also eine geballte Ladung an Stressfaktoren. Alle drei, vier Wochen stand dann eine dieser Frauen in meiner Praxis und klagte zum Beispiel über Schmerzen im Kieferbereich. Der schlimmste Fall war der einer 24-Jährigen, die ihre Zähne so stark aufeinandergepresst hatte, dass ein gesundes Exemplar ohne jede Füllung in der Mitte gespalten wurde.

Wann sind Sie in Ihrer Praxis erstmals vermehrt mit diesem Problem konfrontiert worden?

In den Nullerjahren, also ab 2000, hat es angefangen. Die Digitalisierung und Globalisierung, dazu das gesteigerte Tempo am Arbeitsplatz haben die Leute so gestresst, dass immer mehr Probleme mit ihren Zähnen bekamen. Vor 20 Jahren hatte ich höchstens einen Knirscher pro Jahr in der Praxis, dann nahm es rasant zu. Anfang 2011 haben die Krankenkassen die Schienen, die gegen das Knirschen und dessen Folgen verschrieben werden, aus dem Katalog der Pflichtleistungen gestrichen. Der Grund? Sie mussten zu viele zahlen. Mit der Pandemie als Stressfaktor hat die Zahl Betroffener nochmals zugenommen. Die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine werden nicht lange auf sich warten lassen.

Was kann man gegen das Zusammenpressen, das Knirschen und drohende Brüche vorkehren?

Memory Point
Memory Points

Die grosse Schwierigkeit ist ja, dass wir uns dieses Verhaltens viel zu lange nicht bewusst sind. Daher ist es so wichtig, dass die Leute gut informiert sind und sich selbst beobachten. Ein Mittel dazu sind sogenannte Memory Points: Man befestigt zehn rote selbstklebende Punkte an exponierten Stellen des eigenen Alltags: einen am Laptop, einen am iPhone, einen am Badezimmer-Spiegel, einen am Armaturenbrett des Autos. Jedes Mal, wenn der Patient einen dieser Punkte wahrnimmt, hält er inne und fragt sich: wie fühlen sich meine Zähne an? Sind sie verspannt? Sollte ich sie voneinander lösen und meine Kiefermuskeln etwas mit den Fingern massieren? Dieses Mittel bildet zwar nur eine Erinnerungskrücke, aber eine wichtige.

Und sonst? Was tun?

Es gibt verschiedene Schienen, sogenannte Aufbiss-Schienen, die Betroffene nachts tragen, um ihre Zähne vor dem Aufeinanderpressen zu bewahren. Was die Leute nicht wissen und was sie auch fast nicht glauben, wenn sie es hören: wir haben weder in den Oberarmen noch in den Beinen so viel Kraft wie in den Kiefermuskeln. So hat es auch der Seilkünstler, der sich in der Manege mit dem Mund an einem Seil festhält, leichter als derjenige, der sich an den Händen durch die Zirkuskuppel schwingt.

Sind Sie als Zahnarzt so etwas wie ein Gradmesser der psychischen Gesundheit unserer Gesellschaft?

Wer wie ich viele Stammkunden hat, die er oft während Jahren, ja, Jahrzehnten betreut, erfährt mit der Zeit tatsächlich viel über die Menschen, ihre Sorgen und Nöte. Mit ein bisschen Gespür und Bereitschaft zum Gespräch wird man tatsächlich zum Gradmesser, wie es einer Gesellschaft geht.

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Herr Pomsar ist ein grossartiger Zahnarzt, der es extrem gut versteht, auf seine Patienten einzugehen. Ich bin seit Jahren bei ihm in Behandlung und bin äusserst zufrieden.

Es ist interessant, dass das Zähneknirschen zugenommen hat. Auch interessant finde ich, dass man mehr Angst vor dem Zahnarztbesuch hat. Dabei kann ich mir nicht erklären, warum das so ist.

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