Wie gefährlich ist Alkohol nun wirklich?

0 KOMMENTARE

Balz Spörri: «In der ‹Neuen Zürcher Zeitung› beziehungsweise der ‹NZZ am Sonntag› erschienen jüngst zwei mit wissenschaftlichen Studien unterfütterte Artikel zum Thema Alkohol. Der Tenor war beide Male gleich: ‹Es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge an Alkohol.›» (NZZ)

VON BALZ SPÖRRI

In der «Neuen Zürcher Zeitung» beziehungsweise der «NZZ am Sonntag» erschienen jüngst zwei mit wissenschaftlichen Studien unterfütterte Artikel zum Thema Alkohol. Der Tenor war beide Male gleich: «Es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge an Alkohol.» (NZZ)

Die «NZZ am Sonntag» zitierte eine Vertreterin der Weltgesundheitsorganisation WHO: «Das Risiko für die Gesundheit beginnt schon beim ersten Tropfen jedes alkoholischen Getränks.» Das kam Philipp Schwander, dem bekannten Zürcher Weinhändler, in den falschen Hals. In einem Newsletter an sämtliche Kunden wetterte der sonst so freundliche «Master of Wine» über die beiden «offensichtlich ahnungslosen Autorinnen».

Die Behauptung, dass Alkohol in jeder Dosierung negative Auswirkungen habe, sei schlicht falsch, schrieb Schwander. Auch er zitierte wissenschaftliche Studien, insbesondere eine sogenannte «Umbrella-Meta-Analyse» von 2022. Darunter versteht man eine Synthese von Übersichtsstudien, sie sollte die höchste Stufe wissenschaftlicher Evidenz liefern.

Die von Philipp Schwander zitierte Arbeit chinesischer Wissenschafter untersuchte 224 prospektive Meta-Analysen auf den Zusammenhang von Alkoholkonsum und Krankheit. Prospektiv bedeutet, dass untersucht wird, ob eine bei Studienbeginn noch nicht vorliegende Krankheit im Laufe der Jahre auftritt.

Von 140 untersuchten Krankheiten (u.a. Schlaganfall, Demenz, Brustkrebs) fanden die Forscher bei 25 Krankheiten einen negativen Effekt. Das heisst, ein moderater oder geringer Alkoholkonsum führte zu einem erhöhten Risiko für das spätere Auftreten der Krankheit. Bei 49 Krankheiten fanden die Forscher allerdings einen positiven Effekt – der Alkohol senkte das Risiko einer Erkrankung. Das Bild ist also keineswegs so schwarz-weiss, wie es die NZZ suggerierte.

Der Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum (oder der Ernährung allgemein) und dem Auftreten einer Krankheit ist allerdings äusserst komplex, da ganz verschiedene Faktoren mitspielen können, etwa die genetische Veranlagung oder andere Vorerkrankungen. Generell raten die Forscher zu einem moderaten Alkoholkonsum.

Allerdings lassen sich selbst aus der Umbrella-Studie keine konkreten Schlüsse für das individuelle Verhalten ziehen. Ganz zum Schluss schreiben die Forscher nämlich: «Um nachdrückliche Empfehlungen geben zu können, braucht es robustere und grössere prospektive Studien.» Also quasi eine Meta-Meta-Meta-Analyse. Das allerdings kann dauern.

Studie: Alcohol and Health Outcomes: An Umbrella Review of Meta-Analyses Base on Prospective Cohort Studies

Balz Spörri (geb. 1959) lebt als Journalist und Autor in Zürich.

WIR FREUEN UNS ÜBER IHREN KOMMENTAR

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

4 × 3 =

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht