Zur Geschichte des Zürcher Frauenhauses

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11. März 2022 – Am Internationalen Tag der Frau, dem 8. März, hatte die Zolliker Autorin Christina Caprez die Vernissage ihres Buches über die Geschichte des Zürcher Frauenhauses. Im «Talk am Puls» stellte sie sich den Fragen von Barbara Lukesch.

Ein Kernsatz fiel nach einer halben Stunde des spannenden Gesprächs. «Es ist beeindruckend, was wir alles erreicht haben», sagte Christina Caprez, «aber am Ziel sind wir erst, wenn Frauenhäuser abgeschafft werden können.»

Die Zolliker Autorin hat in eineinhalbjähriger Arbeit das Buch «Wann wenn nicht jetzt – das Frauenhaus in Zürich» recherchiert, geschrieben und rechtzeitig zum Internationalen Tag der Frau vollendet. Auf 300 Seiten erzählt sie die 43jährige Geschichte der Institution. Das Buch enthält Erfahrungsberichte betroffener Frauen aus allen Generationen, Ausführungen von Fachleuten zu rechtlichen Fragen und zum Umgang mit den Tätern, dazu einen grossen Serviceteil.

Barbara Lukesch entlockte ihrer Berufskollegin interessante Details. Etwa die Geschichte von Verena Grendelmeier (LdU), die sich im Zürcher Kantonsrat in den 1970er-Jahren für das Frauenhaus stark machte, nachdem sich in Umfragen gezeigt hatte, wie verbreitet die häusliche Gewalt war. Ein Kollege von der SVP verhöhnte sie: man wisse nun, warum sie ledig sei – sie wolle sich offenbar nicht schlagen lassen. Oder dass sich damals linke Feministinnen und bürgerliche Politikerinnen für die Sache der Frauen zusammengetan und gemeinsam im Stiftungsrat des Frauenhauses Einsitz genommen hatten.

Weg von der Basisdemokratie

Bemerkenswert auch die innere Entwicklung des Frauenhauses. Die Gründerinnen, Feministinnen der ersten Stunde, hielten die Basisdemokratie hoch, Entscheidungen wurden in Vollversammlungen gefällt, Hierarchien waren ihnen ein Gräuel. Die zweite und dritte Generation der Mitarbeitenden hatten keine Lust mehr auf diese zeitraubenden Rituale. Es kam Anfang 2000 zu so massiven internen Konflikten, dass das Frauenhaus einige Monate geschlossen werden musste. Was folgte, war eine stetige Professionalisierung des Betriebs. Inzwischen diskutiere man die Frage, ob die Gross-WG noch eine zeitgemässe Wohnform sei. Der Trend gehe dahin, den betroffenen Frauen flexiblere, individuellere Wohnformen anzubieten.

Man erfuhr zudem, dass Frauenhäuser ganz verschieden mit dem Thema Öffentlichkeit umgehen. Der Standort des Zürcher Frauenhaus ist geheim. Es besteht ein eigentliches Sicherheitsdispositiv. Betroffenen Frauen gibt man die Adresse nicht bekannt. Man verabredet sich mit ihnen beispielsweise am Hauptbahnhof und holt sie dort ab. In Kanada gibt es Frauenhäuser an Plätzen, die allgemein bekannt und öffentlich einsehbar sind. Dort hofft man auf den Effekt der sozialen Kontrolle.

Caprez und Lukesch diskutierten sodann die Frage, warum geschlagene Frauen trotz allem immer wieder zu ihren Peinigern zurückkehren. «Die Dinge sind nicht einfach schwarz-weiss», sagte die Buchautorin, «es sind bei aller Gewalttätigkeit oft auch noch positive Gefühle im Spiel, Liebe, Bindung, Abhängigkeit, Hoffnung auf Besserung». Der Täter habe nicht selten auch eine liebenswürdige Seite und zeige nach einer Attacke Reue, schäme sich sogar – «manche Fälle sind eben sehr komplex». (rs)

Buchcover

Christina Caprez: Wann, wenn nicht jetzt – Das Frauenhaus in Zürich. 304 Seiten, März 2022, Limmat Verlag

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