«Ein gewaltiger, reissender Strom»

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2. April 2023 – Zollikon war einst ein bäuerlich geprägtes Dorf: viel Grün, viel Platz, viel Luft zum Atmen mit schönen, alten Häusern. Der Verdichtungs-Prozess hat zu einem neuen Ortsbild geführt. Wir zeigen in Bild und Wort, wie es früher war und wie es heute ist. (2 Kommentare)

2. April 2023 – Zollikon war einst ein bäuerlich geprägtes Dorf: viel Grün, viel Platz, viel Luft zum Atmen mit schönen, alten Häusern. Der Verdichtungs-Prozess hat zu einem neuen Ortsbild geführt. Wir zeigen in Bild und Wort, wie es früher war und wie es heute ist.

Die Rosengartenkreuzung im Zollikerberg um 1917 und 2023 (Fotos: Adrian Michael, Ortsmuseum Zollikon)
Die Rosengartenkreuzung im Zollikerberg um 1917 und 2023 (Fotos: Adrian Michael, Ortsmuseum Zollikon)

VON ADRIAN MICHAEL

«Wo ist nun das alte Zollikon? Vor uns liegt ja eine typisch vor städtische Ortschaft mit herrschaftlichen Villen, angelegten Strassenzügen. […] Nein das Dorf von einst ist Zollikon nicht mehr, es hat seine eigene Art verloren! Fast schüchtern stehen die alten Häuser neben ihren neumodisch aufgeputzten viel jüngeren Nachbarn, als wollten sie sich entschuldigen, dass sie überhaupt noch da seien. […] Hätte man das neue Zollikon dem alten nicht besser anpassen können, hätten die Neuen von den Alten nicht mehr lernen sollen? Allein das Neue kam wie ein gewaltiger, reissender Strom dahergeflutet. […] Es ist hier auch zu beklagen, dass viele in gänzlich geschmacklosem Baustil gehaltene Gebäude das Dorfbild schwer schädigen.»

Hier nickt der Leser bestätigend und die Leserin sagt momoll, das hat was, das hätte man tatsächlich auch netter bauen können.

Nun, die Zeilen stammen nicht, wie man annehmen könnte, aus einem Kommentar in einem Leserbrief unserer Tage. Geschrieben hat sie der Primarlehrer Albert Heer in der ersten Ausgabe seines Buches «Heimatkunde Zollikon» vor bald 100 Jahren im Frühling 1925. Was Albert Heer (1879­–1943) zum heutigen Ortsbild sagen würde, wage ich mir gar nicht auszudenken.

Um Heers vielleicht etwas idealisierende Erinnerungen eines Ortsbildes nicht ganz verblassen zu lassen, zeigen Gegenüberstellungen im Stil von «Gestern und heute aus dem gleichen Blickwinkel» die Entwicklung eines bäuerlich geprägten Dorfes zu einer wohlhabenden Vorortsgemeinde, die trotzdem noch an vielen Ecken Elemente ihres dörflichen Charakters über die Jahrzehnte hinweg gerettet hat. Und bestimmt werden Sie wohl hie und da bestätigend nicken und sagen: «Momoll, das hätte man tatsächlich auch netter bauen können.»

Im Dorf

Das Casino an der Ecke Bahnhofstrasse / Seestrasse war während manchen Jahrzehnten das Vereins- und Kulturzentrum Zollikons, 1898 wurde es eingeweiht. Es hatte neben Hotelzimmern und der Gaststube einen Saal mit kleiner Bühne, der 800 Personen Platz bot. Zahlreiche Vereinsanlässe fanden hier statt und an Sonntagnachmittagen spielte ein Orchester zum Tanz auf. 1952 wurde das Casino zugunsten einer Neuüberbauung abgebrochen. 1958 wurde das Restaurant «Beau Rivage» eröffnet, später folgte das Feinschmeckerrestaurant «Chez Max». Heute ist ein Yogastudio darin untergebracht.

Das Casino um 1905
Das Casino um 1905
Heute.
Heute

Das Wirtshaus zum Anker lässt sich bis in 16. Jahrhundert zurückverfolgen. Bis zum Bau der Seestrasse um 1835 stand es direkt am Wasser. Im Anker wurde um 1840 auch die erste Poststelle untergebracht. Dort trafen sich Handwerker, Tagelöhner und Dienstboten zu einem einfachen Mittagessen, einem Bier oder einem Jass. Aufgrund ausbleibender Kundschaft – die Gewerbebetriebe im Gstad gingen nach und nach ein – begann der Anker in den 1970er-Jahren zu verkommen. 1978 wurde das Haus abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt.

Beschauliche Szene an der Seestrasse um 1900.
Beschauliche Szene an der Seestrasse um 1900 mit dem Wirtshaus zum Anker
Heute. Siehe einleitender Text von Albert Heer.
Heute. Siehe einleitender Text von Albert Heer

Das Haus «Zum Obstgarten» war bis 1882 ein Bauernhof, umgeben von zahlreichen Obstbäumen. Später wurden eine Kegelbahn und eine gedeckte Trinkhalle eingerichtet. Bis zum Zweiten Weltkrieg wechselten sich zahlreiche Wirte auf dem Obstgarten ab, selten war einer erfolgreich. In den 1920er-Jahren betrieb ein Wirt eine Menagerie mit Tieren, um so der Wirtschaft zu mehr Attraktivität zu verhelfen. Serviert wurde währschafte Kost wie Schinken, Käse und Würste. Um 1940 wurde im Obstgarten eine automatische Kegelbahn installiert, und bis 1960 spielten bekannte Ländlerkapellen zum Tanz auf. 1964 wurde der Obstgarten abgebrochen, trotz Bemühungen, ihn zu erhalten. Erst nach dem Abbruch zeigte sich, dass es sich bei diesem Gebäude um einen Bau handelte, der vermutlich kurz nach der Reformation erbaut worden war. Ein Balken mit der eingekerbten Jahreszahl 1547 wurde vermutlich als Brennholz verfeuert.

1907
Der «Obstgarten» um 1907
Heute. Nun ja.
Heute. Nun ja.

Der Backsteinbau der Schönegg entstand vor rund 120 Jahren. Die Gaststube im Erdgeschoss wurde über eine Treppe erreicht, im ersten Stock lag ein Säli. Doch angesichts der Nähe des gegenüberliegenden beliebten «Obstgartens» konnte sich der Wirtschaftsbetrieb nicht lange halten. 1899 war darin in einem nicht mehr gebrauchten Tanzsaal der erste Kindergarten von Anna Locher eingerichtet. 1980 wurde das Haus abgebrochen, an seiner Stelle entstand das Wohn- und Bürogebäude Alte Landstrasse 106.

1980, kurz vor dem Abbruch
1980, kurz vor dem Abbruch
Heute. Tja
Heute. Tja.

Die Rofluhstrasse endet bis 1964 als Sackgasse bei der Post, dann wurde nach unzimperlich ausgetragenen Kampagnen und einer Urnenabstimmung mit dem Bau des Bogens begonnen. 1966 wurde der neue Strassenteil in Betrieb genommen. Auf beiden Bildern ist rechts hinten das «Landolthaus» zu erkennen, früher auch «Neuhaus» genannt.

1913: Blick vom Sekundarschulhaus nach Süden. Vorne die Buchholzstrasse
1913: Blick vom Sekundarschulhaus nach Süden. Vorne die Buchholzstrasse
Vergleichbare Ansicht heute
Vergleichbare Ansicht heute

Der Name «Im Loch» war passend gewählt: Die Häuser der Tagelöhner und Handwerker standen in der Vertiefung gleich unterhalb des Dufourplatzes. Sie mussten 1935 dem Bau des Platzes weichen, da dieser aufgrund der Platzverhältnisse etwas talwärts verschoben angelegt werden musste. Der Dufourplatz gilt als einer der ältesten Verkehrskreisel der Schweiz.

Die Häusergruppe «Im Loch», um 1930
Die Häusergruppe «Im Loch», um 1930
Heute. Zur Orientierung: Das Haus hinter dem Bushäuschen stand schon 1930
Heute. Zur Orientierung: Das Haus hinter dem Bushäuschen stand schon 1930

Hohlgasse hiess die lauschige Verbindung zwischen dem heutigen Dufourplatz und der Rotfluhstrasse, der gesamte Verkehr verlief über die Oberdorf- und Buchholzstrasse. Die neue Strasse entstand 1932.

Der Hohlweg: Die «Bergstrasse« vor 1930. Die Scheunen sind dem Neubau zum Opfer gefallen, das «Doktorhaus» oberhalb des Dufourplatzes steht noch.
Der Hohlweg: Die «Bergstrasse« vor 1930. Die Scheunen sind dem Neubau zum Opfer gefallen, das «Doktorhaus» oberhalb des Dufourplatzes steht noch
Situation heute
Situation heute

Der lauschige Mühleweiher im Kleindorf versorgte einst den Sagibach mit Wasser, mit dem die weiter unten liegende Mühle und Sägerei betrieben wurden. Heute verläuft der Bach unterirdisch unter der Sägegasse, vor der Einmündung in die Goldhaldenstrasse hört man ihn unter einer Dole rauschen. Mit dem Aufkommen der Elektrifizierung verlor der Mühleweiher seine wirtschaftliche Bedeutung. 1908 wurde er trockengelegt.

Der Mühleweiher um 1905
Der Mühleweiher um 1905
Heutige Situation. Überlebt hat die Häusergruppe im Hintergrund
Heutige Situation. Überlebt hat die Häusergruppe im Hintergrund

Im Zollikerberg

Kaum mehr wiederzuerkennen ist die Kreuzung, an der dieses charmante Haus einst stand. In ihm war von 1931 bis 1949 die Post Zollikerberg untergebracht, vorher war diese im gegenüberliegenden Restaurant Rosengarten. Das Haus wurde im Zusammenhang mit der Neugestaltung der ganzen Kreuzung um 1960 abgebrochen und durch einen Neubau ersetzt, in dem neben der Kantonalbank auch wieder eine Filiale der Post untergebracht war, später unter anderem auch Büros der Gemeindeverwaltung.

Die Rosengartenkreuzung, um 1920
Heute
Heute

Die 1844 erbaute Wirtschaft «Rosengarten» war jahrzehntelang so etwas wie das kulturelle Zentrum des Zollikerbergs; in seinem Saal wurden zahlreiche Veranstaltungen der lokalen Vereine durchgeführt. Hier war seit 1852 auch die erste Postfiliale untergebracht. 1958 musste der baufällig gewordene «Rosengarten» dem Ausbau der Forchstrasse weichen, an seiner Stelle steht nun die Wendeschleife des Busses.

Der «Rosengarten» mit wartenden «Martini»-Bussen, 1905.
Der «Rosengarten» mit wartenden «Martini»-Bussen, 1905
Heute. An den alten «Rosengarten» erinnert nichts mehr
Heute. An den alten «Rosengarten» erinnert nichts mehr

In der Unterhueb steht das einstige zweite Schulhaus im Zollikerberg. Es wurde 1824 eingeweiht und wurde bis zum Bau des neuen Schulhauses Rüterwis 1912 als Schulhaus genutzt. Nach 1926 war darin bis 2018 der erste Kindergarten des Zollikerbergs. Nachdem die Kindergärten in die Anlage Rüterwis verlegt worden waren, verkaufte die Gemeinde das Haus an Private aus Zollikon.

Die Unterhub 1957, in der Mitte das Schulhaus bzw. der spätere Kindergarten
Die Unterhub 1957, in der Mitte das Schulhaus bzw. der spätere Kindergarten
März 2023. In der Mitte der ehemalige Kindergarten
März 2023. In der Mitte der ehemalige Kindergarten

Das Restaurant Waldburg an der Forchstrasse mit seiner urchigen Gartenwirtschaft entstand wie die Schönegg um die Jahrhundertwende vor rund 120 Jahren. Hier kehrten nach getaner Arbeit gerne die Waldarbeiter ein. Die Mahlzeiten waren günstig, auch wenn Quantität vor Qualität gestanden haben soll. Die «Waldburg» wurde 1974 abgerissen, an ihrer Stelle entstand ein Mehrfamilienhaus.

Eine imposantes Duo: Die «Waldburg» mit Scheune, Datum unbekannt
Eine imposantes Duo: Die «Waldburg» mit Scheune, Datum unbekannt
Heute
Heute

Über die Trichtenhauser Mühle ist in den letzten Wochen viel geschrieben worden. Darum mögen hier die Bilder genügen – als Referenz an eine Tradition, die nach fast 150 Jahren zu Ende zu gehen droht.

Ländliche Idylle, 1915
Ländliche Idylle, 1915
30. März 2023
30. März 2023

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Ausgezeichnete Zusammenstellung von wie es frueher aussah in Zollikon und wie es heute aussieht. Wie Herr Michael treffend erwaehnt, manche der neueren Bauten sind gewoehnungbeduerftig, um es milde auszudruecken, aber im Ganzen ist Zollikon immer noch ein schoenes Dorf, mit einer wunderschoenen Allmend als Gruengebiet und Naehe zum Zolliker Wald

Danke für die schönen bilder. Mein Bruder musste 1950 noch über die bereits gefährliche Forchstr in den Kindergarten neben Ruckstuhls kleinem alten Milchladen. Das müsste demzufolge etwa 1955 gewesen sein. Für mich (1952) 😉 wurde der Kindergarten Neuacker eingeweiht – Frölein Weisshaupt und Frölein Mettler, auf jeder Seite eine. Unten drin ein total moderner bespiegelter Rhythmikraum. Über dem Kindergarten die Lehrerwohnung von Lehmanns. Dessen Frau war für unsere Zeit unheimlich stark parfümiert. Wir begleiteten sie mit nach oben gehaltener schnüffelnder Nase. Die Erinnerungen an diesen Kindergarten begleiten mich bis heute. Ein Top-Kindergarten!

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