«Nicht alle verhalten sich korrekt im Wald»

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2. Februar 2024 – Anfang Jahr hat Marc Bodmer (36) seinen Vater Arthur als Revierförster abgelöst. Er erzählt, wie der Zolliker Wald mit dem Klimawandel zurechtkommt, was er mit Menschen im Wald erlebt, warum er manchmal Bussen verteilen muss, und was er an den Turopolje-Schweinen schätzt.

Marc Bodmer, der neue Zolliker Revierförster (Fotos: rs)
Marc Bodmer, der neue Zolliker Revierförster (Fotos: rs)

INTERVIEW: RENE STAUBLI

Herr Bodmer, ist der Klimawandel für den Zolliker Wald ein Problem?

Einerseits ja, denn gewisse Bäume werden es schwer haben. Heute hat die Rottanne noch 50 Prozent Anteil an der ganzen Waldfläche, sie wird wohl unter 10 Prozent fallen. Die Rotbuche, die die drohende Trockenheit auch nicht erträgt, wird wahrscheinlich auch Schwierigkeiten haben, ebenso die Weisstanne. Anderseits profitieren wir von einer Weichenstellung, die bereits vor 30 Jahren vorgenommen worden ist, auch wenn der Klimawandel damals noch kein Thema war: Man hat beispielsweise Nussbäume gepflanzt, weil ihr Holz besonders wertvoll ist; man erhoffte sich wirtschaftliche Vorteile, und nun hat sich daraus eine win-win-Situation ergeben: wir haben einen klimaverträglicheren Baum, dessen Holz hohe Erträge abwirft.

Warum kommt der Nussbaum so gut mit dem veränderten Klima zurecht?

Er ist sehr wärmeliebend. Er braucht zwar relativ viel Wasser, aber damit kann er sich gut versorgen, weil er sehr tiefe Wurzeln hat. Ein weiteres Beispiel ist die Douglasie, ein Nadelbaum, auch sie kann sich besser mit der Klimaerwärmung anfreunden.

Wie alt sind eigentlich die ältesten Zolliker Bäume?

Die Eiche ist dafür bekannt, dass sie sehr alt werden kann. Wir haben einige solche Exemplare im Wald. In der Nähe der Waldburg steht eine Eiche mit einem Stammdurchmesser von 150 Zentimetern, die sicher 300 bis 400 Jahre alt ist. Die würden wir nie fällen, dazu ist sie aus ökologischer Sicht zu kostbar.

Man kann fragen, wen man will, alle lieben den Wald. Spüren Sie das bei Ihrer Arbeit?

Mit der laufenden Klimadiskussion, aber vor allem seit Corona hat der Wald tatsächlich einen höheren Stellenwert bekommen. Aus unserer Sicht hat das Vor- und Nachteile. Die Menschen sind öfter im Wald, das ist schön. Beim Thema «Bäume fällen» sieht das jedoch anders aus. Das mangelnde Verständnis zeigt uns, dass viele überhaupt nicht wissen, was wir tun.

Was tun Sie denn?

Wir tragen Sorge zu einem Rohstoff, der vor unserer Haustüre wächst. Wir nutzen ihn sorgsam und nachhaltig, anders als beispielsweise in Brasilien, wo einfach alles kahl geschlagen wird und Weideland entsteht. Bei uns ist der Wald durch das Waldgesetz sehr gut geschützt, Wald bleibt Wald. Dazu gehört auch, dass wir Bäume fällen. Dieser Kreislauf ist nicht allen bewusst.

Man hört oft, die Bevölkerung nehme zu wenig Rücksicht auf den Wald. Der Fachbegriff dafür heisst «Übernutzung». Ist der Zolliker Wald auch davon betroffen?

Die Waldnutzung hat in den letzten Jahren auch bei uns zugenommen. Während Corona war das extrem. Da waren alle im Wald, und nicht alle haben sich korrekt verhalten.

Können Sie ein Beispiel geben?

In unserem Wald gibt es viele Wege, auf denen man spazieren kann. Es gibt aber immer wieder Leute, die quer durch den Wald laufen. Damit schrecken sie Wild auf, das sonst schon stark durch die vielen Aktivitäten gestört ist, sie lassen Abfall liegen und trampeln junge Pflanzen nieder. Vielen scheint nicht klar zu sein, dass sich der allergrösste Teil des Waldes in Privatbesitz befindet. Da müssen wir manchmal schon Aufklärungsarbeit leisten, die in den meisten Fällen auch nützt.

Als Revierförster müssen Sie die Wälder überwachen und «forstpolizeiliche Aufgaben» übernehmen. Funktionieren Sie wie ein Polizist?

Es geht eher um eine Aufsichts- und Ordnungsfunktion. Ich bin aber auch berechtigt, Bussen auszustellen, beispielsweise, wenn jemand mit dem Auto durch den Wald fährt.

Gibt es das tatsächlich?

Ja, und zwar immer häufiger. Wenn es Stau hat auf den Strassen hat, kann es vorkommen, dass Automobilisten die Abkürzung durch den Wald nehmen. Oder sie parkieren irgendwo im Wald, so dass wir mit unseren Maschinen nicht mehr durchkommen.

Sie arbeiten seit 17 Jahren als Forstwart im Betrieb der Holzkorporation Zollikon. Zum Jahreswechsel haben Sie die Nachfolge Ihres Vaters Arthur als Revierförster angetreten. Wie hat sich dadurch Ihre Arbeit verändert?

Bis zum Wechsel habe ich jeden Tag draussen an der frischen Luft gearbeitet, ob an der Motorsäge oder an einer anderen Maschine. Jetzt bin ich als verantwortlicher Revierförster mindestens 80 Prozent im Büro. Es geht um strategische Entscheide, die Arbeitsplanung und Personalführung, es ist im Vergleich zu früher eine kopflastigere Sache.

Vermissen Sie die alte Freiheit?

Ich war sehr gerne draussen, aber man muss schon sehen: die allerwenigsten Forstwarte können diese Arbeit bis zur Pensionierung machen, weil sie körperlich sehr anstrengend und die Abnutzung gross ist. Als Revierförster ist die Chance grösser, bis zur Pensionierung auf dem erlernten Beruf arbeiten zu können.

Wie sieht das Verhältnis zu Ihrem Vater aus, der viele Jahre Ihr Vorgesetzter war?

Bei uns galt immer der Grundsatz «Arbeit ist Arbeit» – wir hatten im Wald stets ein professionelles Verhältnis, und Familie war, wenn wir nicht arbeiteten. Mein Vater ist heute noch einige Stunden pro Woche in beratender Funktion bei uns, aber er hat seine Jahre abgearbeitet und ist darüber nicht traurig.

Zu Ihren Aufgaben gehört auch die Schädlingsbekämpfung. Wie steht es eigentlich um den Borkenkäfer?

Momentan ist das Thema im Sommerhalbjahr sehr aktuell. Ich mache regelmässig Kontrollgänge, um zu prüfen, ob es befallene Bäume hat. Der Borkenkäfer – es gibt übrigens viele verschiedene Arten, aber in unserem Fall ist es der Buchdrucker – befällt nur die Fichten. Da diese einen verhältnismässig hohen Anteil unseres Waldes ausmachen, kann der Schaden gravierend sein.

Wie tun Sie, wenn Sie einen solchen Baum entdecken?

Man muss ihn unverzüglich fällen, und zwar schon dann, wenn der Laie vom Befall noch gar nichts sieht. Viele Leute sagen, «das sind doch gesunde Bäume, warum fällt ihr die»? Dann muss ich entgegnen: Das sind sie eben nicht. Nur weil die Rinde noch nicht abgefallen ist oder noch nicht alle Nadeln weg sind, ist ein Baum nicht gesund. Das Problem ist: Sobald man die Spuren des Borkenkäfers deutlich sieht, ist es schon zu spät.

Gibt es weitere Schädlinge?

Ein grosses Problem ist die durch einen Pilz verursachte Eschenwelke, bei der die jungen Triebe absterben. Schweizweit haben wir deswegen Ausfälle von gegen 90 Prozent. Inzwischen ist klar: die Eschen werden verschwinden. Wir fällen sie in unserem Wald das ganze Jahr über, vor allem an den Wegen und Strassen, denn der Pilz befällt nicht nur die Krone, sondern auch die Wurzeln. Wenn es heftig windet, fallen die Bäume einfach um, weil die Wurzeln nicht mehr halten. Das ist gefährlich für Waldbesucher und/oder den Strassenverkehr.

Ist die Bewirtschaftung des Waldes ein gutes Geschäft?

Die reine Waldbewirtschaftung ist defizitär, denn der personelle Aufwand ist gross, und die Holzpreise sind tief. Den Wald zu pflegen ist sehr personalintensiv. Um einigermassen im finanziellen Gleichgewicht zu bleiben, arbeiten wir auch für Dritte und machen beispielsweise Spezialfällungen auf privaten Grundstücken. Dazu kommen die Erträge aus den 48 Mietwohnungen in vier Häusern, welche die Holzkorporation im Ahorn auf dem Zollikerberg besitzt. Unseren neuen Werkhof im Feufbüel hätten wir ohne diese Sondererträge nicht finanzieren können.

Wem verkaufen Sie Ihr Holz?

Das Energieholz zum Beispiel der Gemeinde, die das Schwimmbad Fohrbach vorderhand noch mit Holzschnitzeln heizt. In der Überbauung Ahorn planen wir einen Wärmeverbund mit einer grossen Schnitzelheizung, die wir selber bauen und darauf hoffen, dass sich andere Verbraucher beteiligen. Das Stammholz geht an verschiedene grosse Sägewerke.

Im Mai 2022 gab es im Zolliker Wald einen Versuch mit kroatischen Turopolje-Schweinen. Die wurden eingesetzt, um Henrys Geissblatt den Garaus zu machen, einem wild wuchernden Neophyten, der Sträucher und ganze Bäume erstickt. War die Aktion ein Erfolg?

Der Versuch muss noch ausgewertet werden. Auf den ersten Blick war es eine gute Sache, denn der befallene Wald war vor dem Einsatz der Schweine eine verlorene Fläche. Dem Geissblatt wären wir mit unseren Mitteln nicht mehr Herr geworden. Die Schweine haben die Kletterpflanzen, die oberirdischen Teile, aber vor allem auch die Wurzeln fast komplett weggefressen – und alles andere, was dort wuchs. Jetzt braucht es noch eine leichte manuelle Nachbearbeitung durch das Forstpersonal. Wir sind bestrebt, den Versuch auf einer angrenzenden Fläche fortzusetzen, brauchen dafür aber eine neue Bewilligung des Kantons.

Wie verteilt sich die Arbeit im Wald auf die Jahreszeiten? Wann ist die Belastung am grössten?

Ganz klar im Winter während der Vegetationsruhe. Dann findet die Holzernte statt, unsere Hauptarbeit. Im Frühling Sommer und Herbst widmen wir uns der Jungwaldpflege und den Aufforstungen, wobei wir vermehrt mit Naturverjüngung arbeiten.

Was versteht man darunter?

Wir fördern das, was der Wald selber bringt. Früher holzte man eine Fläche ab und pflanzte neue Bäume, vielfach Fichten, das klassische, schnell wachsende Bauholz. Mittlerweile achten wir mehr auf die Natur, die uns anzeigt, was in einem Waldstück am besten wächst. Somit haben wir keine Pflanzkosten und einen geringeren Pflegeaufwand. Was von selber wächst, ist standortgerecht. Das ist besser, als wenn man eine Pflanze an einen bestimmten Ort zwingt.

Bewährt sich das neue Betriebsgebäude im Feufbüel?

Sehr, wir sind froh darum. Die alte Forsthütte schaute von aussen romantisch und gemütlich aus, aber für unsere Bedürfnisse taugte sie nicht mehr. Unsere Maschinen standen auf dem Waldboden, es hätte keinen Schutz gegeben gegen auslaufendes Öl oder Benzin. Und wenn wir im Winter am Morgen zur Arbeit kamen, war es in der Hütte kälter als draussen. Jetzt haben wir mehr Platz, und es ist warm.

Keine Nachteile?

Bei der Garagengrösse mussten wir nach einem siebenjährigen Rechtsstreit mit Pro Natura grössere Abstriche machen. Ebenfalls bei einem geplanten Nebengebäude für Schlechtwetter-Arbeiten. Für die Hauptfahrzeuge haben wir Platz, aber die Anhänger und andere Geräte müssen wir draussen abstellen. Persönlich kann ich diese Zwängerei nicht nachvollziehen, denn auch die Garage des neuen Forstgebäudes dient ja letztlich der Pflege und Erhaltung des Waldes.

Hat die Holzkorporation Interesse daran, eine Windkraftanlage aufzustellen? Der Kanton hat im Zolliker Wald ja einen möglichen Standort definiert.

Dazu kann ich nicht viel sagen, wir warten ab, bis alle Rahmenbedingungen geklärt sind.

Seit September 2012 bietet die Holzkorporation Bestattungen im «Ruhewald» unweit der Forchbahnstation Waldburg an. Als Revierförster wählen Sie mit dem Käufer oder der Käuferin einen Baum aus, wo die Asche oder Urnen aus Weichholz beigesetzt werden können. Das kostet 4500 Franken, im Preis sind 40 Jahre Baumpflege inbegriffen. Wie gross ist die Nachfrage?

Aktuell sind wir bei 24 Bäumen, aber wer dort vorbeigeht, wird das vielleicht nicht einmal erkennen. Ausser einer kleinen Buchstabenkombination am Baum deutet nichts auf die Bestimmung dieses Ortes hin. Wir machen das ganz bewusst so, weil wir dort keine Neugierigen wollen; die Angehörigen sollen Ruhe und Frieden vorfinden, auch Grabschmuck ist nicht erlaubt.

Wer interessiert sich für eine Waldbestattung?

Das ist ein breites Spektrum. Dazu gehören sicher Menschen mit einem persönlichen Bezug zum Wald. Andere möchten aus spirituellen Gründen im Wald beigesetzt werden. Sie suchen die Ruhe und den Frieden, den der Wald ihnen bietet.

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Der Zolliker Wald umfasst eine Fläche von rund 250 Hektaren. Davon gehören nur etwa 18 Hektaren der Gemeinde Zollikon. Die Holzkorporation ist mit 190 Hektaren die grösste Besitzerin, gefolgt vom Bürgerverband Alt-Zollikon mit 26 Hektaren. Dazu kommen verschiedene Privatwaldbesitzer. Die Holzkorporation ist fast so alt wie die Eidgenossenschaft. Sie wurde 1330 von Waldbesitzern gegründet, um den Wald zu schützen, zu pflegen und zu bewirtschaften.

Marc Bodmer mit seinem Vater Arthur vor dem neuen Forsthaus im Feufbüel
Marc Bodmer mit seinem Vater Arthur vor dem neuen Forsthaus im Feufbüel

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