«Rede ich über ein Problem, ist es halb gelöst»

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Ich bin neidisch. Ich weiss nicht aus welchem Grund, wieso jetzt, wieso so plötzlich. Keine Ahnung. Ich frage mich: «Wie kann ich mehr über dieses Gefühl in Erfahrung bringen?»

Vielleicht ist mir klar, dass ich neidisch bin, weil eine geliebte Person mir viel weniger Aufmerksamkeit schenkt als dem Typen neben mir. Scheint sie an ihm nicht viel mehr Interesse zu haben als an mir?

Doch auch wenn mir das bewusst ist, hilft mir das nicht weiter. ICH empfinde Neid, und das ist MEIN Problem. Denn ich will ja kein Neider sein, auch keine eifersüchtige Person, aber dass ich diese Gefühle dann in einer solchen Situation verspüre, hat ja offensichtlich nur mit mir zu tun. Fürchte ich etwa, die geliebte Person zu verlieren? Leide ich unter einem Aufmerksamkeits-Komplex?

Ich muss mehr über mich selber herausfinden, weil ich kein Neider sein und nicht länger meinen Stimmungsschwankungen ausgeliefert sein will. Ich will die Kontrolle über meine Gefühle haben und selbst über mich bestimmen.

Also suche ich das Gespräch mit einer vertrauten Seele, die meine Verletzlichkeit, die ich zeige, nicht ausnutzt und gegen mich verwendet. Dann versuche ich mich auszudrücken. Es fällt mir schwer, doch ich probiere es, suche nach Worten, die meinen Ahnungen nahekommen.

Die Person, mit der ich spreche, hört mir zu, stellt Verständnisfragen, nickt. Das Ziel ist, dass ich Klarheit über mich selbst erlange. Ich will keine Ratschläge. Ich will auch nicht, dass diese Person mir sagt: «Alter, krass, das kenn‘ ich» und mir dann etwas aus ihrem Leben erzählt.

Alle, die schon einmal beim Psychologen waren, wissen, wie sich der ideale Zuhörer verhält. Er hört zu, ist mit seiner Aufmerksamkeit bei dir und stellt Fragen, die wie Wegweiser auf einer Wanderung die richtige Richtung angeben.

Könnte ich mir nicht auch selbst solche Fragen stellen, die mich zum Nachdenken bringen und mich zum gleichen Resultat führen?

Ich bin überzeugt, dass es sinnvoller ist und mir mehr bringt, wenn ich meine Gedanken so in Worte fassen muss, dass jemand anders sie versteht. Nur so kann aus meiner Ahnung Erkenntnis werden. Die Kunst, die richtigen Wörter zu finden, die einen Gedanken am besten beschreiben, schafft Klarheit. Dazu bekommt man die neutrale Sicht eines Aussenstehenden, der gezielt schlaue Fragen stellt.

Ich denke, dass viele junge Menschen Mühe haben, über ihre Gefühle oder persönliche Dinge zu sprechen. Vor allem unter jungen Männern ist das Bild des starken Mannes, der keine Schwäche zeigt, noch immer verankert.

Wenn ich aber nicht über meine Schwächen sprechen kann, werde ich mir ihnen nicht bewusst und kann sie auch nicht angehen: Ich bleibe schwach. Doch sobald ich das Problem benenne, ist es schon halb gelöst. Indem ich ausspreche, was mir im Kopf herumschwirrt, gelange ich am schnellsten zum Kern des Problems. Dies ist meine Erfahrung.

Lorenz Pfammatter (geboren 2002) hat Walliser Wurzeln und steht kurz vor der Matura am Gymnasium Hottingen. Er wohnt mit seinen Eltern und zwei Geschwistern im Zürcher Kreis 7. Er hat «ein paar Ideen», was er studieren könnte: «Philosophie, Psychologie, Geschichte, Politik, Germanistik.»

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