Wind und wilde Wolken über dem Tal der Bünz

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Thomas Widmer: ««Der Weg auf den bekannten Aargauer Hoger ist leicht und äusserst aussichtsreich. Wir sind unter wilden Wolken unterwegs – am Ende gönnen wir uns dann, weil dies eine besondere Wanderung ist, ein gediegenes Nachtessen.»

VON THOMAS WIDMER

Drei Tage vor der Wanderung, ein Mittwoch, ich sitze im Zollikerberg am Schreibtisch, habe das Kartentool offen. Mir schwebt vor, dass wir auf den Maiengrün steigen könnten, eine sanfte Aargauer Erhebung auf 590 Metern.

Bloss: Die Wetterprognose klingt verheerend, von Dauerregen ist die Rede und von Sturm. So kommt es, dass ich meinem Wandergrüppli eine für unsere Verhältnisse reichlich kurze Route vorsetze. Eine von nicht einmal zweieinhalb Stunden.

Und dann ist es Samstag, und wir reisen am Mittag via Lenzburg zum Bahnhof Dottkon-Dintikon und … was ist das denn? Eine schöne Überraschung! Über dem Tal der Bünz ist der Himmel zwar eher finster. Aber ein Sturm wütet nicht. Und es ist trocken. Auch sehen wir, dass sich die Sonne freizukämpfen versucht. Bestes Fotowetter, denke ich, Wolken geben dem Schweizer Mittelland Kraft und Stimmung.

Kurz nach dem Wanderstart im Tal der Bünz, hinten Dottikon (Fotos: Thomas Widmer)
Kurz nach dem Aufbruch im Tal der Bünz, hinten Dottikon (Fotos: Thomas Widmer)

Wir starten, halten als erstes Richtung Dottikon, überqueren dabei die schlickige Bünz. Und als wir in Dottikon sind, visieren wir das nächste Dorf an, Hägglingen. Es liegt bereits am Hang des Maiengrün, der mich zum Wahnsinn treibt, weil er oft auch «Meiengrün» geschrieben wird, ohne dass eine Variante dominieren würde. Unsereins ist Pedant und mag keine Uneindeutigkeiten.

Wappen von Hägglingen

Noch einmal zu Hägglingen. An zwei Stellen im Ort ist die Fahne mit dem Gemeindewappen aufgezogen. Dieses zeigt ein gelbes Ding, das aussieht wie ein Küchen-Schneidebrett, freilich mit Nägeln bestückt ist. Nein, das ist kein mittelalterliches Foltergerät. Sondern eine Hechel, ein Gerät, durch das man Hanf zog, was die Fasern parallelisierte.

Natürlich habe ich das nicht einfach so gewusst. Für was hat man denn aber ein Smartphone?

Oberhalb von Hägglingen
Oberhalb von Hägglingen

Bald sind wir aus dem Ort, und bald wird alles richtig schön, ade, Hartbelag. Der Wind, der in diesen Lagen kräftig, aber nicht wütend bläst, hat die Luft gereinigt. Als wir uns umdrehen, erblicken wir am Horizont in Schneeweiss einen Teil des Alpenkranzes. Da ist das Glärnischmassiv mit dem Vrenelisgärtli, da ist die Rigi, da ist der Pilatus. Und da ist der Titlis, die Sicht ist so gut, dass wir locker den Sendeturm ausmachen.

Apropos Turm: Ein sanfter Aufstieg im Wald, und schon sind wir auf dem Maiengrün beim Aussichtsturm. Das letzte Mal, als ich hier war, deckte ein Schneekrüsteli den Boden. Diesmal ist alles grün. Was vielleicht nicht zum Winter, aber immerhin zum Namen der Erhebung passt.

Die letzten Meter vor dem Gipfel
Die letzten Meter vor dem Gipfel – wenn man von «Gipfel» sprechen kann
Auf dem Maiengrün. Links das Restaurant, rechts der Aussichtsturm
Ein Erinnerungsfoto: Das Maiengrün 2017, als Schnee lag
Ein Erinnerungsfoto: Das Maiengrün 2017, als Schnee lag

35 Meter hoch ist der Turm, 170 Treppenstufen sind bis zur Plattform zu nehmen. Ehrensache, dass wir hinaufsteigen. Nun, nicht alle im Grüppli tuns. Aber doch vier von sieben. Oben schaffen wir es allerdings nicht, das Panorama zu geniessen. Wir sind ausgesetzt, einzelne Böen setzen uns jetzt doch zu, rütteln an den Kleidern. Der Turm wankt. Wir machen irre Selfies und überspielen so eine feine Bangigkeit. Wieder unten auf stabilem Grund, fühle ich mich wie der Maat, der bei stürmischer See grad Dienst im Mastkorb schob und das Meer nach Eisbergen, Walen und Piraten absuchte.

Und schon geht die Wanderung weiter, für einmal kehren wir auf dem Maiengrün nicht ein. Obwohl das Restaurant sympathisch ist. Und erst noch offen. Im Folgenden gehen wir Richtung Reuss. Hinter ihr zieht sich der Heitersberg, der sie von der Limmat trennt.

Blick zum Heitersbergk der das Limmattal und das Reusstal trennt
Blick zum Heitersberg, der das Limmattal und das Reusstal trennt
Waldgasse mit Laub
Waldgasse mit Laub
Kurz vor Mellingen. Hinten, grad noch besonnt, wieder der Heitersberg
Kurz vor Mellingen. Hinten, grad noch besonnt, wieder der Heitersberg

Weit ist es nicht bis Mellingen. Eine knappe Stunde später sind wir am Ziel. Mellingen ist ein Mittelalterstädtchen an der Reuss mit engen Gassen und historischen Häusern. Erfreulich ist, dass seit 2022 ein guter Teil der Autos und Lastwagen nicht mehr durch den Ort braust und brummt, es gibt neuerdings eine Umfahrungsstrasse.

Mellingen – ein reizendes Mittelalterstädtchen
Mellingen – ein reizendes Mittelalterstädtchen

Durch das Lenzburgertor, darüber der Zeitturm mit dem grossen Zifferblatt, treten wir ein. Und schauen als erstes kurz in die Stadtkirche, der Bau ist Frühbarock aus dem 17. Jahrhundert, der Turm um einiges älter. Lang verweilen wir nicht, denn wir haben Durst, und es dunkelt ja auch schon ein. Und also verlassen wir die Kirche wieder und setzen uns in der Hauptgasse in das «Weisse Kreuz». Holztische, freiliegendes Mauerwerk, wir trinken Apero, es ist bald 17 Uhr, die Wanderung ist zu Ende.

Im «Weissen Kreuz» gibts den Apero
Im «Weissen Kreuz» gibts den Apero

Heisst das, dass wir gleich heimreisen? Aber nein. Wir nehmen den Bus ins Nachbardorf Fislisbach, steigen dort wieder aus. Ich habe in der «Linde» reserviert. Das Haus aus dem 18. Jahrhundert, ein erleuchteter Klotz in der früh eingefallenen Nacht, ist ein Seelenwärmer.

Die hippe Bar lassen wir aus, denn eben, wir hatten schon Apero. Bald darauf stossen wir in der Gaststube mit einem Aargauer Pinot an auf unsere Unternehmung. Und jetzt ist Zeit, etwas noch aufzulösen. Dies war am 23. Dezember die Weihnachtswanderung meines Wandergrüpplis. 

Die Linde in Fislisbach
Die Linde in Fislisbach…
… und was auf den Teller kam: Entenbrüstli mit Quittenglasur
… und was auf den Teller kam: Entenbrüstli mit Quittenglasur auf Fenchel und Sellerie

Anforderung: 8,5 km, 205 m aufwärts / 279 m abwärts, 2 Stunden 20 Minuten. 

Route: PDF von SchweizMobil

Thomas Widmer wohnt im Zollikerberg, ist Reporter bei der «Schweizer Familie» und hat mehrere Wanderbücher verfasst. Er wandert zwei Mal pro Woche und sagt: «Man wandert nicht nur durch eine Landschaft. Sondern auch durch die Kultur, die Geschichte, die Politik. Wenns dazu etwas Gutes zu essen gibt: grossartig!»

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