«Wir befinden uns in einem gewaltigen Sturm»

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13. Mai 2024 – Der 52-jährige Dorian Selz ist CEO der Firma Squirro, die im Bereich KI an der Weltspitze mitspielt. Gleichzeitig sitzt er für die GLP im Zolliker Gemeinderat und kümmert sich um die Bauabteilung. Wie geht das zusammen?

Dorian Selz
Dorian Selz (Illustration: Willi Spirig)

Es passiert manchmal, dass ich bereits morgens um 5 Uhr wach bin und Gedanken wälze. Dann rotiert’s in meinem Kopf und ich kann nicht mehr schlafen. Normalerweise erwache ich um 6 Uhr, stehe auf und gehe rennen. Nicht ewig lang, eine Viertelstunde, dazu ein paar Gewichte heben. Kurz und intensiv. Danach bereite ich das Morgenessen für meine Frau, unsere 14-jährige Tochter und mich vor: Müesli, Früchte, Joghurt, Orangensaft. Dafür nehme ich mir eine halbe Stunde Zeit.

Gegen 8 Uhr treffe ich in unserer Firma Squirro im Zürcher Seefeld ein, die ein paar Minuten vom Bahnhof Stadelhofen entfernt an der Mühlebachstrasse liegt. All das gilt nur, wenn ich nicht am Reisen bin. Da wir neben dem Hauptsitz in Zürich Niederlassungen in Singapur, New York und London haben, bin ich immer wieder mal für eine Woche im Ausland.

Meine Tage in Zürich bestehen aus Sitzungen und Zoom-Meetings. Wenn ich meine Agenda von gestern zusammenfasse, komme ich auf folgende Posten: Begonnen hat es um 8 Uhr mit einem Review der Wochenziele. Daran beteiligt waren drei Leute von hier, dazu war ein Kollege von Singapur online zugeschaltet. Nachher hatte ich eine Sitzung mit unserer Finanzchefin. Es folgte ein Zoom-Call mit der Europäischen Zentralbank, einem unserer grössten Kunden.

Anschliessend hiess es: «All Hands on Deck»! An der Town Hall nahmen alle teil, die schon wach waren. Also alle Firmenmitarbeitenden ausser denjenigen in Amerika, bei denen es erst morgens um 4 Uhr war. Während rund einer Stunde präsentierten wir einander, wo wir stehen, was wir erreicht und wo wir Erfolg gefeiert, aber auch Misserfolge kassiert haben. Wir diskutierten, was wir wie verbessern können.

Nachher folgte erst ein Gespräch mit der Marketing-Chefin, dann eines mit den beiden Leitern des Engineering-Teams, darauf ein Austausch mit unserer Delivery-Chefin. Weiter habe ich mit den Verantwortlichen den ganzen Verkaufsbereich angeschaut und überlegt, ob wir irgendwelche Offerten schreiben können. Plus Zoom-Calls mit einem Partner und einem grossen Konsumgüter-Hersteller über dessen Vorstellungen, wie er in seiner Firma KI implementieren möchte.

Kurz vor 19 Uhr habe ich noch ein Gespräch für den darauffolgenden Tag vorbereitet. Anschliessend bin ich mit meiner Familie und einem Freund im «Amalfi» in Zürich essen gegangen. Zwischen 21.30 und 23 Uhr habe ich noch ein wenig weitergearbeitet. Das ist ein normaler Tag. Danach bin ich K.o.

Frustriert bin ich in aller Regel nur, wenn ich es nicht geschafft habe, meinem Team mitzuteilen, was ich erwarte. Meine Mitarbeitenden können ja nun mal leider nicht in mein Hirn hineinschauen, um das zu erfahren. Darum besteht ein Grossteil meiner Aufgaben als CEO von Squirro darin, ununterbrochen zu kommunizieren und zu erklären, was ich möchte.

Ich bin keineswegs der Schlaueste von allen, weit gefehlt. Mein Team besteht aus exzellenten Fachleuten, die anderswo einen einfacheren Job machen, weniger arbeiten und viel mehr Geld verdienen könnten. Meine Stärken, so sagt man mir nach, lägen darin, dass ich eine Vision für neue Produkte hätte, diese auch einem breiten Publikum darlegen könne und nicht schlecht darin sei, Geld einzusammeln, um solche Visionen zu realisieren.

Offenbar gelingt es mir auch ganz gut, mit meinen Mitarbeitenden langdauernde Arbeitsverhältnisse zu entwickeln. Mit den beiden Mitgründern von Squirro bin ich inzwischen seit 25 Jahren unterwegs und mit unserem Kernteam doch auch schon zwischen acht und zehn Jahre. Das ist in der KI-Branche sehr, sehr, sehr lange. Aber wir rekrutieren auch bewusst auf Langfristigkeit hin. Das ist einer unserer zentralen Werte: wir wollen mit unserem Team alt werden; das gibt eine andere Art von Verbindung.

Daneben bin ich ja auch noch Gemeinderat in Zollikon und verantwortlich für die Bauabteilung. Es kann schon mal passieren, dass ich über Mittag mit meiner Abteilung die Wochengeschäfte bespreche. Ein Gemeinderats-Posten – so ist es deklariert – umfasst ein 20 Prozent-Pensum, das heisst, ich arbeite rund 10, manchmal auch 12 Stunden pro Woche für dieses Amt. Sitzungen, Telefonate, Mails, Austausch mit Mitarbeitenden. Es begeistert mich, auf diesem Weg mit Menschen an meinem Wohnort in Kontakt zu kommen, die ich sonst nie kennenlernen würde.

An den Wochenenden arbeite ich meistens während weiterer eineinhalb Tage fürs Geschäft. Meine Frau findet das mässig lustig. Aber sie versteht, dass es momentan so ist und dass es sich auch wieder ändern wird. So kann es nicht ewig bleiben, natürlich nicht.

Ich vergleiche meine Situation gern mit jener von Roger Federer oder Stan «the man» Wawrinka. Federer hat es mit seinem unglaublichen Talent, Wawrinka mit seinem unbändigen Willen, beide mit Zehntausenden von Trainingsstunden an die Weltspitze geschafft. Das ist in unserer Branche genau gleich. Was wir hier machen, ist das Äquivalent zu Spitzensport. Nur wenn wir alles geben, werden wir es ganz nach oben schaffen. Führende Marktanalysten halten uns aktuell für die visionärste Firma, die im KI-Bereich weltweit unterwegs ist. Da geht die Post ab, und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass wir uns mit Squirro im Auge eines gewaltigen Sturms befinden.

Der höchste Preis, den ich dafür zahle, ist folgender: Ich habe es beispielsweise verpasst, mit meiner Tochter und meiner Frau an dem Tag zusammenzusitzen und darauf anzustossen, dass meine Tochter die Gymi-Prüfung bestanden hat. Dieser Tag kommt nie wieder. Passé!

Ehrlicherweise muss ich aber zugeben, dass ich stattdessen Dinge erlebe, die ich mir als Berner Bauernbub nie zu erträumen gewagt hätte. Wenn ich in Singapur im 17. Stock in unserer Niederlassung stehe und mit hochrangigen Mitarbeitern diskutiere, muss ich mir in die Backe kneifen, um mich zu versichern, dass all das wirklich passiert. Oder wenn ich mich wieder mal vergegenwärtige, dass unsere Firma der Europäischen Zentralbank eine Software liefert, mit der sie an entscheidender Stelle die Sicherheit des Finanzsystems herstellt, kann ich auch das manchmal kaum glauben.

In solchen Momenten bin ich zufrieden und sehr, sehr stolz auf die Leistung unseres Teams. Diese Gefühle wiegen den Verbrauch von viel Energie auf und halten mich in Balance, so dass ich nicht den Eindruck habe, Raubbau an meiner Gesundheit zu betreiben.» (Aufgezeichnet von Barbara Lukesch)

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