Zollikon weist Schutzräume digital zu

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3. Mai 2022 – Putins Drohung mit Atomwaffen wirft Fragen zu den Schutzräumen auf. Wie steht es damit in Zollikon? Wer muss in welchen öffentlichen Schutzraum, wenn kein privater vorhanden ist? Die Gemeinde verfügt ab nächster Woche über eine neue Software. (1 Kommentar)

3. Mai 2022 – Putins Drohung mit Atomwaffen wirft Fragen zu den Schutzräumen auf. Wie steht es damit in Zollikon? Wer muss in welchen öffentlichen Schutzraum, wenn kein privater vorhanden ist? Die Gemeinde verfügt ab nächster Woche über eine neue Software.

Alte Plakatte des Zivilschutzes
Angejahrtes Etikett auf gelber Hinweistafel (Foto: rs)

In Zollikon gibt es laut Auskunft der Gemeinde rund 500 vollwertige Schutzräume. In dieser Zahl sind auch jene in Gewerbebauten und öffentlichen Gebäuden enthalten, die der Bevölkerung zur Verfügung stehen würden. Dazu kommen 3 öffentliche Schutzräume mit rund 1830 Plätzen für Menschen, die sich im eigenen Haus nicht in Sicherheit bringen könnten.

Gemäss Thomas Stettler, Kommandant der Zivilschutzorganisation KEZZ Küsnacht-Erlenbach-Zumikon-Zollikon würden die Behörden im Falle einer akuten Bedrohung den Schutzraumbezug anordnen: «Die Gemeinden wären dann dafür verantwortlich, dass die öffentlichen Schutzräume innert drei bis fünf Tagen bezugsbereit sind.»

Zuwenig Kapazität beim Zivilschutz

Früher war das die Aufgabe des Zivilschutzes, doch sind dessen Sollbestände im Zuge der Ausrichtung auf Katastrophen- und Nothilfe reduziert worden. Es gibt keine Blockchefs und fest zugewiesenen Mannschaften mehr. Die Gemeinde müsste eigene Mitarbeitende und Freiwillige aufbieten, um die anfallenden Arbeiten zu bewältigen.

An Hürden mangelt es nicht: Erst seit 1987 müssen in neu erstellten Schutzräumen Liegestätten und Trockenklosetts eingelagert werden. Für ältere Schutzräume war die Beschaffung dieser Utensilien freiwillig. Bis vor einigen Jahren bezahlten die Gemeinden den Privaten die Schutzraumausrüstung. Heute ist das nicht mehr der Fall. «Es wäre eine grosse Herausforderung, in einem Notfall die Schutzräume auszuräumen, auszustatten und bezugsbereit zu machen», sagt Thomas Stettler.

Gemäss dem Zolliker Polizeichef Peter Zimmermann erleichtert die Anschaffung einer neuen Software die Zuordnung der Schutzräume. Sie wird am 12. Mai installiert. Das Tool gleicht die Daten der Schutzräume mit jenen der Einwohnerkontrolle ab. In Meilen können die Einwohner dank dieser Software schon heute im Internet nachschauen, welcher Schutzplatz für sie reserviert ist. «Ob wir das Tool in Zollikon ebenfalls online stellen, ist noch nicht entschieden», sagt Peter Zimmermann. Das werde erst nach Inbetriebnahme des neuen Programms entschieden. So oder so wird die Verbesserung spürbar sein: Bislang mussten die Zuteilungen alle paar Jahre von Hand vorgenommen werden, was sehr aufwändig war.

Gute alte Zeiten

Nach wie vor gibt es in Zollikon Häuser mit einem gelben Schild des Zivilschutzes in der Waschküche. Auf unserem steht: «Jedem Einwohner von Zollikon ist ein Schutzplatz reserviert, aber nur im zugewiesenen Schutzraum.» Ein aufgeklebtes, ziemlich angejahrtes Etikett enthält präzise Anweisungen: «Nach Anordnung des Schutzraumbezuges durch die Behörden begeben sich die Bewohner dieses Hauses in den Schutzraum Rotfluhstrasse 94, Schutzraum-Nr. 01 4001.»

Vor mehr als 15 Jahren hatte ich für einen Artikel im «Tages-Anzeiger» den damaligen Leiter der Zivilschutzstelle gebeten, mir meinen Platz zu zeigen. Ernst Ursprung, inzwischen pensioniert, erwartete mich pünktlich um 8.30 Uhr vor dem Schutzraum Dorfzentrum neben der Migros. Er sperrte eine Eisentür auf und führte mich durch einige Gänge zu einem imposanten, leeren Raum, der genau so aussieht wie die darüber liegende Parkgarage, nur ohne Autos. An den Wänden gab es Panzertüren mit riesigen Buchstaben von A bis H. «Wir sind jetzt im grossen Aufenthaltsraum», bemerkte Ernst Ursprung.

Anschliessend lotste er mich zur Panzertür G, hinter der sich drei Abteile mit langen Reihen von Kajütenbetten verbargen. Und da sah ich ihn: meinen reservierten Schutzplatz im mir zugewiesenen Schutzraum Nr. 01 4001.

Die Gemeinde hatte sich gut auf meinen Besuch vorbereitet: Auf den Betten lagen Kissen und darauf, fein säuberlich gebügelt und zusammengelegt, rot-weiss karierte Überzüge. «Es ist alles bereit, man könnte sofort einziehen», sagte Ernst Ursprung nicht ohne Stolz. Derweil schnurrte das elektrische Entfeuchtungsgerät behaglich vor sich hin, die Luft war überraschend gut, warm und trocken – aber es lebten ja auch keine Menschen seit Tagen dort unten.

Ernst Ursprung, Betten mit karierten Kissenbezügen
Ernst Ursprung, Betten mit karierten Kissenbezügen (Ausritt TA)

In diesem Unterstand würden wir im Fall der Fälle also auf Hunderte von Mitbürgerinnen und Mitbürger treffen – deshalb auch der grosszügige, gesetzlich nicht vorgeschriebene Aufenthaltsraum. Als Bewohner der alten Landstrasse 95 würden wir unsere Nachbarn der Nummern 45 bis 145 endlich näher kennen lernen – leider unter dramatischen Umständen.

Gemäss dem gelben Schild müssten meine Frau und ich kalte Speisen für 5 bis 10 Tage, 20 bis 40 Liter Wasser, warme Kleider, den Schlafsack, Spiele und einen Flaschenöffner mitbringen. Fürs Geld und die Wertsachen bekämen wir einen Schlüssel zu einem nummerierten, persönlichen Kästchen. Ordnung muss auch in katastrophalen Zeiten sein.

Zur Geschichte der Schutzräume

Die Geschichte der Schweizer Schutzräume geht auf die Kriegsjahre 1939 bis 1945 zurück, als man Keller mit Holzpfosten abstützte, um sich vor Bombenangriffen zu schützen. Am 21. Dezember 1951 – mitten im Kalten Krieg – ordnete der Bundesrat die Erstellung von betonierten Schutzräumen bei Neu- und Umbauten in sämtlichen Ortschaften mit 1000 und mehr Einwohnern an. In den Gemeinden sorgten die eingeteilten Zivilschützer dafür, dass die öffentlichen Schutzräume in Schuss blieben. Im Jahr 2005 wurden in Zollikon dafür 277 Manntage geleistet.

Damals ging man gemäss dem Ausbildungsleitfaden für den Zivilschutz davon aus, dass Naturkatastrophen (60 Prozent Wahrscheinlichkeit), gefolgt von gesellschaftlichen Notlagen wie Epidemien (!) und Migrationsproblemen (30 Prozent) zu Schutzraumbezügen führen würden. Weit hinten rangierten technische Katastrophen wie AKW-Störfälle und Talsperrenbrüche (10 Prozent).

Von Terrorismus und einem russischen Präsidenten, der in einem immer aussichtsloseren Krieg mit Atomschlägen droht, war damals nicht die Rede. (rs)

Wer Fragen zu den Schutzräumen in Zollikon hat, kann sich an die Abteilung Sicherheit und Umwelt wenden: 044 395 36 00 oder sicherheit.umwelt@zollikon.ch

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Das erinnert mich an all die AKW-Diskussionen in den 80er-Jahren. Auch heute wird lieber nicht zu Ende gedacht, worauf wir uns wirklich vorbereiten würden nach einem atomaren GAU bzw. feindlichen Angriff. Natürlich ist es hilfreich, dann ein Zahnbürsteli bereit zu haben. Aber wozu? Das Undenkbare darf einfach nicht passieren. Und deshalb können wir unser Zahnbürsteli getrost dort stehen lassen, wo es grad ist.

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