Über Pfingsten zum Spargelschmaus

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Thomas Widmer: «Wetter toll, Landschaft toll, Spargel essen und Glace aus der Dorfgelateria ebenfalls toll. Fähre bin ich auch gefahren. Zudem habe ich auf dieser grandiosen Wanderung im Züribiet und in Deutschland zwei neue Wörter gelernt.»

Wanderers Belohnung: Spargelschmaus im «Sternen
Wanderers Belohnung: Spargelschmaus im «Sternen

VON THOMAS WIDMER

Nehmen wir etwas Planerisches vorweg: Wir wollten eigentlich von Rafz nach Flaach wandern, was gut drei Stunden dauert. Wollten uns am Ziel den Bauch mit frischem Spargel vollschlagen. Und dann zufrieden heimfahren. Bloss war das Wetter so schön, dass wir nach dem Zmittag unsere Unternehmung einfach verlängern mussten.

Und damit zum Anfang der Wanderung, die damit beginnt, dass wir eines schönen Samstags in Zürich kurz nach acht Uhr die S-Bahn nach Rafz nehmen. Dort steigen wir aus und ziehen gleich los, alles dem Bahndamm nach.

Grüezi, liebe DB: Bahndamm kurz nach dem Wanderstart in Rafz
Grüezi, liebe DB: Bahndamm kurz nach dem Wanderstart in Rafz

Als uns der Pfad nach einer Viertelstunde von den Schienen zu einer Anhöhe lenkt, bekommen wir bald etwas mehr Sicht auf unseren Startort. Und begreifen nun erst richtig, wie flach und weit das Rafzerfeld ist, wie die Gegend mit den riesigen Kiesgruben im Zürcher Norden heisst.

Meine Begleiterin bringt mir an dieser Stelle ein neues Wort bei. Aus geologischer Sicht handle es sich beim Rafzerfeld um einen Sander, sagt sie. Das Wort, lese ich später in der «Wikipedia» nach, stammt aus dem Isländischen und bezeichnet eine schwach geneigte Aufschüttungsfläche, hinterlassen von einem Gletscher.

Bei Solgen überqueren wir bald darauf die Raserstrasse, sehen das nahe Zollgebäude, wo die Autos die Schweiz verlassen. Selber brauchen wir noch eine gute Viertelstunde, bis wir oberhalb von Nack im Wald auf deutsches Staatsgebiet wechseln.

Schön der Moment, als wir kurz nach dem Grenzübertritt aus dem Wald treten: Wir haben den Alpenkranz vor Augen. Weil die Luft dunstig ist, kann ich hier freilich kein gutes Foto vorlegen.

Und gleich folgt der nächste Lernmoment. Ein kubischer Bau in der Rebhalde über Nack, mit einem Alpenzeiger ausgestattet, also einer Panoramatafel, ist mit «Hochbehälter» angeschrieben. In der Schweiz nennen wir ein solches Wasserhüsli «Reservoir», was irgendwie gediegener klingt. Vielleicht auch ein wenig affektiert.

Blick vom «Hochbehälter» auf das Dorf Nack (Fotos: Thomas Widmer)
Blick vom «Hochbehälter» auf das Dorf Nack (Fotos: Thomas Widmer)

In einer Schleife umkurven wir den Weinberg unter uns und kommen bald in Nack an, das uns seltsam ausgestorben erscheint. Wo sind die alle? Am shoppen? Am anderen Dorfende ist dann doch Betrieb, Autos kurven heran, ein grosser Parkplatz ist schon halb voll, hier gibts einen Golfclub mit Restaurant. Lustig das Werbeplakat eines Bad- und Heizungsmonteurs, das mit dem Titel eines Hitchcock-Krimi-Klassikers spielt, «Bei Anruf Mord». In diesem Fall lautet die Zeile: «Bei Anruf Service». Klingt irgendwie bedrohlich, finde ich.

Noch ein Letztes zu Nack, das wir nun wieder verlassen: Es ist ein Ortsteil der grossen deutschen Gemeinde Lottstetten, die wiederum im Jestetter Zipfel liegt. Dieser wird von der Schweiz praktisch ganz umfasst.

Kurz und etwas steil den Wald hinab, dann sind wir am Rhein. Eine Brücke hinüber nach Ellikon ZH gibts hier weit und breit nicht. Schwimmen würde ich nicht wollen. Aber da ist ja die Fähre, die sich vom Schweizer Ufer her nähert.

Am deutschen Ufer des Rheins: Die Fähre nach Ellikon am Rhein ZH naht
Am deutschen Ufer des Rheins: Die Fähre nach Ellikon am Rhein ZH naht

Auf der kurzen Überfahrt gsprächlen wir mit der Fährifrau. Irgendwann werde ich abgelenkt. Ich sehe nämlich eine Gartenwirtschaft. Und sie, der «Rhygarte», hat offen. Eigentlich ist es noch etwas früh für einen Apero. Aber wir sind schon ins Schwitzen gekommen. Und also stosse ich mit meiner Begleiterin an mit einem Bier. Das eiskalte Corona mundet. Die Fähre ist derweile schon auf dem Rückweg zur deutschen Seite.

Perfekter Ort für die Pause: der «Rhygarte» bei der Fähre-Anlegestelle in Ellikon
Perfekter Ort für die Pause: der «Rhygarte» bei der Fähre-Anlegestelle in Ellikon

Nächstes Ziel ist Flaach, eine gute Stunde werden wir dorthin brauchen. Wir durchqueren die Thurauen, wobei wir nach der Autobrücke über die Thur nicht den offiziellen Wanderweg nehmen. So würden wir nämlich den 2025 erbauten Beobachtungsturm verpassen, ein apartes Holzmodell, das noch frisch riecht. Mit Hilfe der Smartphone-Karte gelangen wir hin.

Oben haben bereits ein paar Leute ihre Kamerastative aufgebaut. Vogelkundler und -kundlerinnen halt. Wir selber sehen keine Tiere ausser ein paar Schwänen. Aber schön ist die renaturierte Uferzone schon.

Der Beobachtungsturm in den Thurauen nah Flaach ist noch neu und riecht schön frisch
Der Beobachtungsturm in den Thurauen nah Flaach ist noch neu und riecht schön frisch

In der Direttissima visieren wir durch die weiten Felder Flaach an – und ja, hier ist nun alles flach. Wir haben im legendären «Sternen» reserviert, der seit Jahren als saisonales Pop-up-Restaurant funktioniert und jetzt zum Verkauf steht; das Wirtepaar findet in der eigenen Familie keine Nachfolger. Gut möglich, dass dies unsere letzte Einkehr im «Sternen» sein wird. Dass dort bald gewohnt statt gewirtet wird.

Der Spargel mundet hervorragend, ich habe ihn mit zwei Kalbsschnitzeli kombiniert. Meine Begleiterin nimmt ihn derweil mit gekochtem Schinken, trägt dazu reichlich Hollandaise auf, während unsereins mit einem mageren Quarksösseli arbeitet.

Und jetzt muss ich den Leserinnen und Lesern eine Enttäuschung bereiten: Die Spargelsaison im «Sternen» endet am 25. Mai. Wobei: Es gibt Alternativen. Gleich an zwei Spargelhöfen, dem der Familie Spaltenstein und dem der Familie Gisler, sind wir auf dem Weg von den Thurauen ins Dorf vorbeigekommen. Beide Höfe betreiben ein Spargelbeizli, ich kann sie beide aus eigener Erfahrung empfehlen, noch eine gute Woche sind sie offen.

Auf nach Andelfingen

So. Wir haben gegessen, haben uns einen Wein gegönnt vom nahen Worrenberg. Und sind uns, als wir wieder ins Freie treten und die Wärme spüren, einig: Wir wollen noch nicht heim. Als neues Ziel fassen wir Andelfingen ins Auge.

Der vielbefahrenen Strasse entlang ziehen wir durch Flaach und entdecken dabei eine Gelateria. Nein, es ist keine Fata Morgana, und daher wandern wir bald mit einem Glacekübeli in der Hand. Die Begleiterin hat auf Salted Caramel gesetzt, ich auf Madagaskar-Vanille. Man schwelgt.

Das Dessert gibts auch in Flaach: Glace im «Glacé Lädeli»
Das Dessert gibts auch in Flaach: Glace im «Glacé Lädeli»

Gut zwei Stunden sind es vom Dorfausgang bis Andelfingen. Auf dem Weg in den Nachbarort Volken kommen wir am Worrenberg vorbei, von wo unser Mittagswein stammte. Wir sehen einen Winzer, der geschäftig im Minitraktor durch seine Reben kurvt. Volken, sei noch erwähnt, ist wieder ein Dorf mit herrlichen Fachwerkbauten.

Frohe Frühlingslandschaft mit Kühen zwischen Flaach und Volken
Frohe Frühlingslandschaft mit Kühen zwischen Flaach und Volken
Hurra, der Klatschmohn ist da
Hurra, der Klatschmohn ist da
Duftender Flieder vor herrlichem Fachwerkbau
Duftender Flieder vor herrlichem Fachwerkbau
Noch 45 Minuten bis Andelfingen: schattenspendender Wald auf dem Höhenzug Egg
Noch 45 Minuten bis Andelfingen: schattenspendender Wald auf dem Höhenzug Egg

Und dann geht es aufwärts mit uns zur Egg. Die stellt sich als langer, bewaldeter Hügelkamm heraus. Ein Windchen umfächelt uns, der Schatten tut gut, wir möchten eigentlich nicht mehr absteigen. Als es dann doch soweit ist, dauert es aber nicht mehr lange, bis wir in Andelfingen ankommen. Dort können wir das Tagesfazit in drei Wörtern formulieren: War das gut!

Anforderung: 19,2 km. 354 Meter aufwärts, 367 Meter abwärts. 4 Stunden, 55 Minuten.

Route: PDF von SchweizMobil

Links: Fähre Ellikon (man beachte die Betriebszeiten); «Rhygarte» in Ellikon am Rhein; Beobachtungsturm in den Thurauen; Spargelhof Spaltenstein in Flaach (Spargelbeizli bis 31. Mai); Gislerhof in Flaach (Spargelbeizli bis Anfang Juni); «Glacé Lädeli» in Flaach.

Thomas Widmer wohnt im Zollikerberg, ist Reporter bei der «Schweizer Familie» und hat mehrere Wanderbücher verfasst. Er wandert zwei Mal pro Woche und sagt: «Man wandert nicht nur durch eine Landschaft. Sondern auch durch die Kultur, die Geschichte, die Politik. Wenns dazu etwas Gutes zu essen gibt: grossartig!»

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